Samstag, 18. Juni 2016

Inhalte? Nicht so wichtig.

Die Zeitschrift Profil setzt die Diskussion um Kompetenzen und Inhalte fort. Dr. Patricia Heitmann und Prof. Dr. Kerstin Kremer antworten darin auf die Frage, ob Kompetenzorientierung zu Lasten von Inhalten gehen:

Im Zusammenhang mit der Implementierung einer verstärkten Kompetenzorientierung in den Lehrplänen tritt häufig das Missverständnis auf, die Inhalte der Fächer würden damit irrelevant und rückten vollkommen in den Hintergrund.

Ob das ein Missverständnis ist sei dahingestellt; jedenfalls ist es nicht die Frage. Die lautete ja, ob Kompetenzorientierung zu Lasten der Inhalte gehe. Es kann aber nicht schaden, gleich im ersten Satz Gegner der Kompetenzorierntierung als Trottel hinzustellen, die das ganze nicht richtig verstanden haben.

Gleichzeitig erfordert die Stärkung der Kompetenzorientierung in der Tat eine Reduktion von Lerninhalten - wenn man darunter Fachwissensvermittlung versteht

Jetzt haben sie's verstanden. Aber wenn die beiden Damen die Aussage bestätigen, warum steht ihr Beitrag dann unter "Kontra"? Offenbar lautet ihre Antwort nicht "Nein", sondern "Ja aber". Die Frage sollte also lauten:

Ist es "schlecht", wenn Kompetenzen zu Lasten von Inhalten gehen?

Auch diese Frage ist interessant, aber sie wird ebenfalls nicht beantwortet. Stattdessen kommt ein weiterer Strohmann:

In Zeiten von explodierendem Wissen, das sich alle paar Jahre verdoppelt und überall digital verfügbar ist, kann eine Vermittlung aller wichtigen Lerninhalte im Rahmen der Schule nicht gewährleistet werden.

Was ist mit explodierendem Wissen gemeint? Wie man whatsapp einrichtet? Welche Schuhgröße Mesut Özil hat? Oder etwa das Wissen um geistige Revolutionen wie Evolution, Genetik, Relativitätstheorie oder Quantenmechanik? Wenn letzteres der Fall ist, dann hat die Kompetenzorientierung die letzten 80 Jahre verschlafen. Das Wissen ist auch früher schon explodiert, jedenfalls in den letzten Jahrhunderten, als man ein vielleicht nicht perfektes, aber doch funktionierendes Bildungssystem hatte. Und Schule hat zu keiner Zeit "alle wichtigen Lerninhalte" vermittelt.

Die Vorstellung, digitale Verfügbarkeit von Informationen würde Wissen überflüssig machen, zeugt von einer solch immensen Dummheit, dass es mir schwer fällt, das sachlich zu kommentieren. Ohne die Kenntnis einer Sprache könnte man wikipedia nicht einmal lesen, ohne ein Grundverständnis wichtiger (jawohl: wichtiger) biologischer oder physikalischer Kenntnisse lassen sich Artikel über Gendefekte oder Nanotechnologie nicht einmal im Ansatz verstehen, und ohne Kenntnisse in elementarer Algebra oder Geometrie brauchen die Schüler, von denen die beiden kompetenzorientierten Frisuren träumen, ein Mathematikbuch gar nicht erst aufzuschlagen.

Offen bleibt auch, wie man Informationen aus dem Netz bewerten soll, wenn man nichts weiß. Das fällt auch Autoren, mich eingeschlossen, nicht leicht. So habe auch ich schon die Behauptung verbreitet, die Babylonier hätten mit Hilfe der Formel [(x+y)^2 - (x-y)^2]:4 Zahlen multipliziert, weil ich das im Netz gelesen habe. Inzwischen bin ich alt genug um zu wissen, dass man dem Netz gar nichts glauben darf - die Autoren von des Lehrbuchs Schnittpunkt 8 (NRW 2016), welche dieselbe Geschichte verbreiten, sind allem Anschein nach noch nicht so alt.

Und was macht man als Kompetenzorientierter auf einer Podiumsdiskussion, wenn Stichworte wie Dachau, Kain und Abel oder die babylonische Sprachverwirrung fallen? Sagt man dann "Warten Sie bitte kurz, bis ich diese Dinge digital nachgeschlagen habe"?

Wer aus seiner Schulzeit etwas Bildung mitgenommen hat, wird bei solchen Vorstellungen an "ignorance is strength" erinnert. Damit den kompetenzorientierten Professorinnen nicht zuviel Zeit beim digitalen Nachschlagen verloren geht, versorge ich sie gleich mit der Information, dass das eine Anspielung auf George Orwells 1984 ist. Wer die Anspielung sogar verstehen möchte, sollte das Buch allerdings gelesen haben - man möge mir verzeihen, dass ich nicht so lange warten möchte und daher einfach weiter mache.

Wer darf eigentlich festlegen, welche Inhalte wichtig sind?

Von dieser Frage werden Leute, die nichts wissen, selbstverständlich überfordert. Was spricht dagegen, die Bedeutung von Inhalten von Fachleuten festlegen zu lassen, also von Experten, die ihr Fach verstehen? Das Wort Experten hätte ich hier gerne im klassischen Sinne verstanden, nicht im kompetenzorientierten, wonach jemand ein Experte im Bruchrechnen ist, wenn er 1/2 und 1/2 zusammmenzählen kann (notfalls mit Taschenrechner). In Deutschland läauft das seit einigen Jahren anders: hier legen Didaktiker fest, was wichtig ist und was nicht, und das führt zu allerlei seltsamen Auswüchsen wie etwa der Tatsache, dass man Schülern jetzt abverlangt zu lernen, was ein boxplot ist. Ist das wichtig? Ich halte es für so überflüssig und nützloich wie einen Kropf oder eine Blinddarmentzündung, und in 40 Jahre Lesen von Tageszeitungen ist mir der Begriff nicht einmal begegnet. Aber vermutlich braucht man ihn, um bessere PISA-Ergebnisse zu erzielen, und das rechtfertigt den Schwachsinn bekanntlich mehr als genug.

Auf der andern Seite häufen Lernende aber ohne den gleichzeitigen Erwerb von Kompetenzen Inhalte als "träges Wissen" an. Ohne Transferfähigkeit ist dieses Wissen dann in anderen Lernsituationen nicht nutzbar.

Das erklärt nicht ganz, wie es Kepler, Euler, Gauß, Humboldt, Darwin, Einstein und anderen in Zeiten vor der Kompetenzorientierung gelungen ist, ihr träges Wissen anzuwenden, oder warum gerade die kompetenzorientierte Jugend schon an den einfachsten Aufgaben scheitert (Lesen, Rechnen und Schreiben etwa).

Zu meiner Schulzeit hätte es nach einer solchen intellektuellen Leistung einfach "Setzen Sechs" geheißen. Damit die beiden Damen das auch verstehen, will ich es in ihre Sprache übersetzen und das Kreuzchen gleich an die richtige Stelle machen:


* Das kann ich noch nicht so gut [x]
* Das kann ich (jetzt)                  [   ]

Kommentare:

  1. Grundsaetzlich denke ich, dass eine etwas elaboriertere Auseinandersetzung mit dem Artikel von Heitmann und Kremer einen deutlichen, intellektuellen Mehrwert gegeben haette. Zu der Frage, wie Kepler und co. ihr traeges Wissen angewandt haben, ist sicherlich auch notwendig zu betrachten, welche Art von Wissen hier operationalisiert wird; und vor allem, wie es Kepler und Co. gelungen ist, Kompetenzen auf Basis von erworbenem Wissen transferieren. Eine beachtliche Anzahl von Studien und Meta-Analysen zeigen auf, dass nicht primaer das direkt erworbene Wissen, sondern die Kompetenzen auf andere Situationen uebertragen werden. Somit stellt sich das Beispiel von Kepler und Co. als unpassend und irrelevant dar.

    Den unpassenden Worten des Kommentatoren folgend, ist auch der Kommentar des Papers keine intellektuelle Glanzleistung, der es an wissenschaftlicher Argumentation mangelt.

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    1. Ich stimme zu, dass der Kommentar zum Paper durchaus kaum durch Wissenschaftlichkeit glänzt. Im Gegensatz dazu gibt es aber eine ganze Reihe an Studien, die aus den Bildungsstandards geboren wurden, die viele der Behauptungen der Autorinnen belegen.

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  2. Ich glaube, dass mit "explodierendem Wissen" gemeint ist, dass sich Wissen alle paar Jahre verdeoppelt, was tatsächlich stimmt. Bei der Vielzahl an Informationen und neuem Wissen ist es unmöglich, alles zu vermitteln. Viele Theorien in der Wissenschaft verändern sich ja. Dass man das erkennt uns weiβ, ist eine weitere, wichtige Kompetenz, die über Wissen hinausgeht.

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  3. Ich glaube nicht, dass die Autorinnen suggieren wollen, dass man auf Fachwissen verzichten kann. Im Gegenteil: Sie stellen explizit dar, dass es notwendig sei, aber durch essenzielle Kompetenzen erweitert werden muss. Schlieβlich sollte es niemals Ziel ganzheitlicher Bildung sein, nur Wissen zu vermitteln. Interessanterweise zeigt die Transferforschung ganz klar auf, dass die Akkumulation von Wissen nicht notwendigerweise zum Transfer führt. Das sollte auch aus psychologischer Sicht mit einbezogen werden.

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