Sonntag, 20. Dezember 2015

Interview mit Kompetenzorientierern

In den jüngsten Mitteilungen der DMV führte Stephanie Schiemann ein Interview mit Hans-Jürgen Elschenbroich, Gilbert Greefrath und Wolfram Koepf.

HJE: Die Formulierung von Leitideen als den Mathematikunterricht 
     durchziehende ``rote Fäden'' finde ich grundsätzlich richtig.

Das ist schön; vielleicht schaut Herr Elschenbroich mal in ein
kompetenzorientiertes Schulbuch und nennt uns auch nur einen roten
Faden, der sich da durchziehen soll. Rote Fäden gab es vor
der Einführung der Kompetenzen und der dümmlichen Leitideen; inzwischen
scheint alles von Natur aus ein roter Faden sein, weil es kaum ein Konzept
der Mathematik gibt, in dem etwa die Leitidee Zahl keine Rolle spielt.

HJE: Immer wieder wird von Kritikern geäußert, dass die Kompetenzen 
     die Inhalte verdrängt hätten. Doch das ist ein grundlegendes 
     Missverständnis.

Ob es sich hier lediglich um Unwissen handelt oder um vorsätzliches
Lügen mögen andere entscheiden. Ein Vergleich eines Schulbuchs aus den
1980ern oder 1990ern mit einem jetzigen zeigt, dass von den damaligen
Inhalten kaum mehr etwas zu sehen ist. Dieses Faktum kann man verdrängen,
man kann vor ihm die Augen verschließen, aber man kann, wenn man ein
Mindestmaß an Ehrlichkeit besitzt, nicht so tun, als wäre der Abbau
von Inhalten ein Missverständnis.


HJE: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass bei der nächsten Revision 
     in 10 oder 15 Jahren das pädagogische Pendel wieder etwas anders 
     ausschlägt.

Pendel? Wir reden von Kompetenzorientierung, also einer von oben
angestoßenen Reform, aber nicht von einem physikalischen Prozess,
den man zwar beobachten, aber in den man wegen irgendwelcher
Naturgesetze nicht eingreifen kann.

HJE: Natürlich spielt Anwendungsorientierung eine größere Rolle als vorher.

Wie bitte? In allen älteren Schulbüchern fanden sich Anwendungen, angefangen
von Minimierungsproblemen bei Dosen bis zu C14 oder schiefem Wurf und
allerlei anderen physikalischen Problemen. Das, was Herr Elschenbroich
als Anwendungsorientierung zu bezeichnen beliebt ist eine Invasion
unglaublich flacher Pseudo-Anwendungen der Mathematik, ein Schlag ins
Gesicht für jeden, der von Anwendungen der Mathematik auch nur den
Hauch einer Ahnung hat.

HJE: ``Wer in den Baumwipfeln lebt, sollte nicht über Waldwege reden!''

Das bezieht Elschenbroich auf alle möglichen Kritiker, nur nicht auf
seine eigene Zunft, deren Vertreter sich für Fachleute im Unterrichten
von Mathematik halten, aber weder Mathematik, noch Unterricht betreiben.

HJE: Dann wird weiter gegen den Kompetenzbegriff polemisiert. Schauen 
     wir doch einmal in die Bildungsstandards. Da geht es exakt um 
     folgende sechs Kompetenzen: mathematisch argumentieren, Probleme 
     mathematisch lösen, mathematisch modellieren, mathematische
     Darstellungen verwenden, mit symbolischen, formalen und technischen 
     Elementen der Mathematik umgehen, mathematisch kommunizieren. Wer 
     will denn ernsthaft dagegen sein?

Da kann ich Herrn Elschenbroich weiterhelfen: jeder, der gesehen hat,
wie die Umsetzung dieser Kompetenzen in den heutigen Schulbüchern
aussieht.


GG: Daran kann man seitens der Schule jedoch nichts ändern und das ist 
    politisch gewollt.

Interessanterweise bekämpft man also lieber diejenigen, denen eine
ordentliche Bildung unserer Jugend am Herzen liegt, als die politischen
Vorgaben, gegen die man angeblich machtlos ist. Selbstverständlich ist
man dagegen machtlos, wenn man noch nicht einmal wagt, diese Linie
zu kritisieren. Allerdings handelt es sich hier eher um Heuchelei, denn
den Zusammenhang zwischen Kompetenzorientierung, großen Abiturientenquoten
und sinkendem Niveau, den die Kompezentorientierer nicht sehen wollen,
sehen andere wohl.

GG: Im Gegenteil ist die Kompetenzorientierung ein guter Weg, den 
    schlechten PISA-Ergebnissen zu begegnen und die Mathematikleistungen 
    der deutschen Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Erste Erfolge
    gibt es bereits.

Man möchte weinen bei so viel Ignoranz. Ich glaube es unbesehen, dass
man mit Kompetenzorientierung PISA-Ergebnisse verbessern kann, und
dass es da bereits erste Erfolge gibt. Gleichzeitig sinkt das
mathematische Niveau der Abiturienten ins Bodenlose. Da sollte man
sich Gedanken über das Setzen der Prioritäten machen, aber dazu sind
die Kompetenzvertreter entweder nicht willens oder nicht fähig.

WK: Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die der Meinung sind, die Schule 
    müsse den Hochschulen Schüler liefern, deren Mathematikkenntnisse 
    generell für jedes MINTStudium bereits ausreichend sind. Dies ist 
    aber nur ein frommer Wunsch und war auch bei meinem eigenen
    Abitur vor über 40 Jahren nicht so. Ein allgemeinbildendes
    Abitur kann in der Regel gar nicht spezifisch auf
    ein MINT-Studium vorbereiten, es hat ja eine viel breitere
    Aufgabe.

Hier wird dann aber doch gelogen, dass sich die Balken biegen.
Zum einen hat das Abitur vor 30 Jahren sehr wohl die allgemeine
Hochschulreife vermittelt, und man musste mit 12 Punkten in Mathematik keine
Brückenkurse besuchen, in denen man mit den Grundlagen der Bruchrechnung
vertraut gemacht wurde. Dass das Abitur keine allgemeine Hochschulreife
mehr vermittelt ist ein Symptom der letzten 20 Jahre, in denen
der Inhalt des Mathematikunterrichts drastisch zusammengestrichen
worden ist. Warum Herr Koepf sich weigert, die Bedeutung des Wortes "allgemein"
zu verstehen, ist nur zu verstehen wenn man annimmt, dass er sehr wohl den
Zusammenhang zwischen seiner Bildungspolitik und deren Resultaten sieht.


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