Mittwoch, 8. Juni 2016

Bei mir biste scheen

Im diesjährigen Deutschabitur (BW)  konnte man als Thema der Erörterung einen Aufsatz über die Schönheit von Fächern von Ulrich Greiner  wählen, der im Januar 2015 in der Zeit erschienen ist. Dazu gab es für die Lehrer Lösungshinweise, aus denen ich im folgenden (kursiv) zitieren werde.

Der stete gesellschaftliche Wandel und wissenschaftliche Fortschritt führen immer wieder zu Aktualisierungen der in den Bildungsplänen aufgeführten Bildungsinhalte. Neues kommt hinzu, in unseren Tagen gerade im Bereich der Naturwissenschaften und der digitalen Kommunikation,
anderes tritt zurück, wie z.B. die von Greiner zitierte "halbierte humanistische Bildung".

Aktualisierung in den Bildungsplänen hat mit gesellschaftlichem Wandel und wissenschaftlichem Fortschritt nur marginal etwas zu tun; wie anders wäre zu erlklären, dass gerade der Mathematikunterricht in den oberen Klassen seit den 1990er Jahren im wesentlichen abgeschafft wurde? Braucht man Mathematik nicht mehr? Spielt sie gesellschaftlich keine Rolle mehr? Gibt es einen wissenschaftlichen Fortschritt, mit dem man deren Abschaffung begründen könnte? Nichts davon ist wahr.

Dass in unseren Tagen gerade im Bereich der Naturwissenschaften Neues hinzukommt ist ebenfalls grob falsch. Natürlich erweitern sich unsere Kenntnisse stetig, aber von Revolutionen, wie sie in der Vergangenheit die Theorien von Elektromagnetismus, Relativität, Quantenmechanik, oder Evolution und die Genetik hervorgerufen haben, hat man doch in den letzten 30 Jahren, in denen die Bildungspläne zerstückelt wurden, nichts gehört. Und was die digitale Revolution mit Bildungsplänen zu tun haben soll bleibt das Geheimnis der Autoren, sieht man davon ab, dass man inzwischen wohl lernt, wie man ein Facebook-Konto eröffnet.

Und was zurück tritt, ist natürlich die humanistische Bildung, nicht die "halbierte humanistische Bildung", denn die breitet sich, wenn man Greiner glaubt, doch aus.

Manche Schularten wie z.B. allgemein bildende und berufliche Schulen mit jeweils profilierter Binnendifferenzierung machen unterschiedlichen Interessen und Begabungen spezifische Angebote:

Da interessiert es mich, ob die Interessen und Begabungen diese Angebote annehmen, oder ob es doch so ist, wie ich vermute, dass diese Schulen  Schülern mit unterschiedlichen Interessen und Begabungen Angebote machen. Dumm nur, wenn man Interessen und Begabungen auf dem Gebiet der Mathematik hat, denn dann gibt es in BW keine Schulart und keine Schule, die hier irgendwelche Angebote machen könnte. Hier heißt es dann: ab in den Osten.

Als traditionelle Allgemeinbildung - wohl ganz im Sinne Greiners -, als Berufsorientierung oder als explizit ganzheitliches Konzept, das neben der Kopfarbeit auch handwerkliche Fähigkeiten fördert und das Musische akzentuiert (z.B. Walldorfschule).

Ja, die berühmten Walldorfschulen. Das sind die, wo man seinen Nammen tannzen lernt? Orthographie muss man bekanntlich nicht mehr lernen, da jagt man ein Rechtschreibprogramm drüber, das verhindert, dass man sich mit  Walldorfschulen blamiert.

Die Vermittlung neuer Kulturtechniken (z.B. Umgang mit dem Computer) stellt Greiner zwar nicht in Frage, sie erscheint aber eher als hinzunehmende  Notwendigkeit - eine angesichts der Herausforderungen einer hochtechnisierten Arbeitswelt durchaus zu hinterfragenden Haltung. Seine nostalgisch anmutenden Beispiele ... zeigen dies deutlich.

Da ist es wieder, das Mantra der modernen Didaktik: die hochtechnisierte Arbeitswelt verlangt computeraffines Humankapital, die Schule liefert. Hinterfragt werden soll nicht die Kapitulation des Bildungssystems vor  Forderungen der Wirtschaft, diskutiert werden soll die Frage, ob die Kapitulation eine hinzunehmende Notwendigkeit oder ein Fortschritt gegenüber den nostalgischen Lesern von Homer ist.

Greiner versäumt es, das Schöne genauer zu definieren.

Ob man etwas "genauer" definieren kann, sei dahingestellt. Kann man Schönheit überhaupt definieren? Kann man eine Maus definieren? Ich nicht. Aber jede Katze, die von ihrer Mutter etwas gelernt hat, wird eine Maus erkennen, wenn sie eine sieht. Wer das Schöne nicht erkennen kann, weil er sie nie erfahren hat, dem hilft auch eine genauere Definition nicht.


Der permanente gesellschaftliche Wandel erfordert eine fortlaufende  Überprüfung der Bildungsinhalte auch unter der Fragestellung: Was gehört zum Curriculum, was darf bzw. muss man der privaten Initiative überlassen?


Wer es beim ersten Mal nicht verstanden hat, bekommt es jetzt noch einmal  erklärt: Die Abschaffung der Bildungsinhalte ist Bürgerpflicht. Der neue  Bildungsplan 2016 stellt ebenso wie der alte fest, dass die Befähigung etwa zu einem Mathematikstudium nicht durch den Lehrplan sichergestellt werden soll, sondern fordert, dass Schüler, die sich ein Studium eines MINT-Fachs vorstellen können, sich die dazu notwendigen Grundlagen selbst aneignen. Andere Fächer werden folgen, wenn sich die Schule vor allem als Zulieferbetrieb für die Wirtschaft versteht.

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