Sonntag, 16. Juni 2019

Hofberichterstattung

news4teachers hat einen Bildungsforscher nach den "Gefahren und Chancen digitalen Lernens" befragt. Ein Lehrbeispiel, möchte ich meinen, für schlechten Journalismus und überbezahlte Bildungsforscher.

      N4T: Herr Prof. Dr. Hurrelmann, inwiefern prägen digitale 
      Medien die heutige Generation der Jugendlichen?

Eine Frage, die sich auch eine wache 12jährige hätte ausdenken können, und die sie problemlos auch selbst beantworten könnte, indem sie etwa sagt, dass Jugendliche heute mit diesen Geräten groß werden. Die Antwort von Herrn Professor Doktor Hurrelmann zeigt, dass heutige 12jährige einem Experten in Bildungsfragen durchaus das Wasser reichen können:

      Hurrelmann: Junge Menschen werden heute unvermeidlich mit 
      diesen neuen Techniken groß und das prägt sie sehr.

Dass wir da aber nicht selbst draufgekommen sind.

      N4T: Verfügen Jugendliche denn automatisch über 
      Medienkompetenz, wenn sie mit Smartphones und Computern 
      aufwachsen?

Diese Frage ist so gestellt, als würde der Fragesteller die richtige Antwort schon kennen. Mit einer solchen Fragetechnik kann man bei Jauch problemlos die Million einsacken. Selbst Herr Professor Doktor Hurrelmann kriegt das hin:

     Hurrelmann: Nein, nur über eine intuitive Nutzerfähigkeit.

Brav gemacht, Herr Professor! Welches Schweinderl hätten's denn gern?

       N4T: Müsste die Vermittlung von Medienkompetenz in der 
       Lehreraus- und -fortbildung eine größere Rolle spielen?

Das Ping-Pong-Spiel geht weiter: N4T legt dem Herrn Professor eine Antwort in den Mund, und dieser tut seine Pflicht:

       Hurrelmann: Ganz entschieden. 

5 Mark ins rote Schweinchen. Sehr gut gefallen hat mir die professorale Klassifikation der Lehrer. Dabei geht er vor wie 9-Klässler, wenn ich ihnen die folgende Aufgabe vorlege: Herr Hurrelmann findet 4 Pilze. Gib das Gegenereignis von "Alle 4 Pilze sind giftig" an. Im Unterricht sind sich alle Schüler einig, dass das Gegenereignis "Kein Pilz ist giftig" lauten muss, in der Klassenarbeit fangen viele an, die Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses auszurechnen. Dabei gehen sie automatisch davon aus, dass ein Pilz mit Wahrscheinlichkeit 0,5 giftig ist.
Der Herr Professor geht ebenso vor: Es gibt drei Arten von Lehrern, die digital kompetenten, die Unentschiedenen, und diejenigen, die digital nichts blicken. Und wie meine Neuntklässler schließt er aus der Tatsache, dass es drei Arten von Lehrern gibt, dass auch jede mit Wahrscheinlichkeit 1/3 auftritt:

       Etwa ein Drittel der Lehrkräfte in Deutschland sind den neuen
       technischen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich
       gewachsen. Sie haben die Kompetenz, damit souverän 
       umzugehen, sodass für die Kinder Vorteile entstehen. 
       Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden.
       Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise 
       das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich.

Eine Frage noch, dann haben wir das Interview überstanden:

     N4T: Was passiert, wenn Lehrkräfte die technische Entwicklung
     im Unterricht tatsächlich ausklammern?

     Hurrelmann: Das können wir ja schon besichtigen. Die Schule 
     verliert an Autorität, weil Schüler merken, dass in den 
     Schulbüchern veraltetes Wissen steht. 

Die Schulbücher wurden 2000 auf die neue Rechtschreibung und den Euro umgeschrieben, dann 2004 mit dem neuen Bildungsplan überarbeitet und auf G8 getrimmt. Selbst in Mathematik kommt demnächst die 4. Generation von Schulbüchern seit 2004 heraus, weil ja hierzulande die Grund- oder Basiskurse eingeführt werden. Und ich nehme an, die meisten Lehrer (und die Schüler auch) wären froh, wenn überhaupt noch Wissen in den Büchern stünde. Wer schon einmal mit seinem Nachwuchs und einem Erdkundebuch auf die nächste Klassenarbeit lernen wollte, wird wissen, was ich meine.

Dass irgendwo veraltetes Wissen steht, merkt man nicht, wenn man gar nichts weiß. Hurrelmann gehört wie der größte Teil der Bildungsforschern zu denjenigen, die meinen, Wissen sei generell überflüssig in einer Welt, in der Schüler alles googeln können:

     Sie können elektronisch auf neuere Informationen zugreifen.
     Das wird aber in der Schule oft nicht geduldet.

Was für ein Unsinn. Vermutlich hat er noch keinen Lernbegleiter in Mathematik live erlebt, der seiner Klasse sagt, er könne sich grad nicht an den Inhalt des Satzes von Pythagoras erinnern, und sie mögen diesen bitte im Netz nachschauen.

Hausaufgabe für alle Leser:
1. Welchem Drittel gehören diese Lernbegleiter an?
2. Was haben Sie aus dem Interview über "Gefahren und Chancen
    digitalen Lernens" erfahren?
Wer mit der Beantwortung der Fragen Schwierigkeiten hat, darf im Internet recherchieren und danach als Experte seine Mitleser aufklären. Einen Anspruch auf ein Professorengehalt erwirbt man dadurch aber nicht.

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