Dienstag, 24. Dezember 2019

Bedeutende Frauen I

Lisa Glagow-Schicha ist eine Gender-Frau der ersten Stunde. Seit Jahrzehnten kämpft sie gegen die Barrieren, die Mädchen in Deutschland davon abhalten, ein MINT-Fach zu studieren. Einer ihrer Lieblingssätze  (vgl. auch hier) ist der folgende:

      Der Anteil der Schülerinnen in der Informatik liegt wie bei 
      allen naturwissenschaftlichen Fächern weit hinter dem der 
      männlichen Jugendlichen. Eine Ursache dieser Entwicklung 
      könnte auch in der mangelnden Kenntnis der Leistungen von 
      Naturwissenschaftlerinnen liegen.

Das ist wahr. Es könnte auch an der Kleidung, der Frisur oder Mikroplastik in Lippenstiften liegen - man weiß es nicht.  

       In der Geschichtsschreibung der Naturwissenschaften werden 
       vorwiegend bedeutende Männer genannt, wie Aristoteles, 
       Kopernikus, Newton, Einstein, die unser Weltbild drastisch 
       verändert haben.

Der Grund hierfür ist wohl der, dass es in erster Linie bedeutende Männer und nicht unbedeutende Frauen gewesen sind, die unser Weltbild drastisch verändert haben. Weil aber nicht sein darf, was ist, muss die Geschichte umgeschrieben werden. Damit steht Frau Glagow-Schicha nicht allein:

       Die ehemalige Bundestagspräsidentin Annemarie Renger 
       konstatiert: "Bereits im antiken Athen war es den Frauen bei 
       Todesstrafe untersagt, Medizin oder Heilkunde zu studieren 
       oder auszuüben."

Ich habe nicht herausfinden können, ob Annemarie Renger diesen Satz je gesagt hat. Aber ich habe herausgefunden, worauf sie anspielt: auf Agnodike. Auch wikipedia zitiert im Wesentlichen nur die feministische Literatur dazu. 

       In Athen war es zu Lebzeiten von Agnodike Weibern und Sklaven 
       verboten, die Heilkunst auszuüben. Als Frau konnte Agnodike als Medizinerin 
       damit nicht arbeiten, noch nicht einmal den gewünschten Beruf erlernen. 
        Auch die Geburtshilfe blieb den Frauen verwehrt. Agnodike verkleidete 
        sich daher als Mann und ging bei dem berühmten Arzt Herophilus 
        in die Lehre.

So steht es auf zahlreichen Webseiten und in nicht minder zahlreichen Büchern. Eine schöne Geschichte, die wir von Hyginus Mythographus kennen. Und zwar aus seinem Buch Genealogiarum liber - Fabulae. Nun sind fabulae bekanntlich Geschichten. Solche, die man erzählt, um Lesern damit etwas beizubringen. Hyginus schrieb also nicht Geschichte, sondern Geschichten.

Was nun das Gesetz betrifft, wonach es Frauen bei Todesstrafe verboten gewesen sein soll, Kranken und Schwangeren zu helfen: mir ist ein solches unbekannt. Das will nichts heißen. Aber ich kenne Sokrates. Nicht persönlich, sondern aus den Schriften Platons. Dort steht, dass Sokrates' Mutter Hebamme war. 
Und dass alle Hebammen Frauen waren, genauer Frauen, die selbst schon geboren hatten (da sind wir heute weiter als die Griechen: bei uns kann man an Universitäten Didaktik unterrichten, obwohl man selbst nie vor einer Klasse gestanden hat). 

Fassen wir zusammen: Ein solches Gesetz ist nicht bekannt, es widerspricht der damals gängigen Praxis, dass alle Hebammen Frauen waren, und die Geschichte stammt aus einem Buch mit dem Titel fabulae. Dazu kommt, dass Hyginus diese Dinge etwa 500 Jahre nach Agnodike aufgeschrieben hat. Was schließen wir daraus? Ich vermute, die Schlussfolgerung hängt vom gender des Lesers oder der Leserin ab.

Tatsächlich hat dieselbe Kritik vor mir, wie google mir eben erklärt, ein gewisser Dr. Friedrich Harless in seinem Buch Die Verdienste der Frauen um Naturwissenschaft und Heilkunde aus dem Jahre 1830 genau so geäußert (S. 109 ff.). Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: ich habe nichts gegen bedeutende oder unbedeutende Frauen. Ich habe etwas dagegen, bedeutende Frauen zu erfinden, weil man glaubt, anders könne man Mädchen nicht dazu bringen, ein MINT-Fach zu studieren.

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