Donnerstag, 26. Dezember 2019

Bedeutende Frauen III

Hypatia war die Tochter des Mathematikers Theon von Alexandria. Zweifellos war sie eine gelehrte Frau, die in Alexandria Philosophie unterrichtet hat, und es gilt ebenso als sicher, dass sie von einem christlichen Mob gelyncht wurde. So ziemlich alles andere, was man über Hypatia lesen kann, ist bestenfalls Spekulation.

Die übelste Webseite ist einmal mehr das Lexikon der Philosophinnen. Wussten Sie, fragt der Autor dort,

     dass im 5. Jhr. Hypathia erkannte, dass die Planeten ihre
     Bahnen in Ellipsen um die Sonne vollenden?

Wussten wir nicht. Nicht, bevor es im Film Agora zum Zwecke der Unterhaltung erfunden wurde. Schlimmer als dort wurden die Ellipsenbahnen der Planeten noch nirgendwo erklärt: die Brennpunkte, so Hypatia,

      represent the two extreme positions of the sun in relation to 
      it, in winter and in summer.

Keine Ahnung, was damit gemeint ist, aber es hört sich so an, als würde die Sonne im Winter in einem anderen Brennpunkt stehen als im Sommer. Das Lexikon der Philosophinnen spinnt dieses Märchen so weiter:

        Hypathia erkannte, dass aufgrund der unterschiedlichen 
        Helligkeit der Sonne, je nach Jahreszeit, die Erde und damit 
        alle Planeten in einer Ellipse um die Sonne kreisen müssen.

Weil die Sonne im Winter heller ist als im Sommer, muss die Erdbahn eine Ellipse sein? Oder andersrum? Decken wir den Mantel des Schweigens darüber und wenden uns der nächsten Quelle zu:  Michael Bradleys Pioneers of Mathematics. Es beginnt damit, die Eltern Hypatias als Bürger Griechenlands zu bezeichnen. Kann sein, wissen wir aber nicht.

        Hypatia spent many hours each day running, hiking, horseback
        riding, rowing, and swimming. Theon often accompanied her in
        these physical activities.

Kann sein, wissen wir aber nicht.

        To complement her academic education, she traveled to Greece and 
        to other countries around the Mediterranean Sea.

Kann sein, wissen wir aber nicht.

Lustig wird es, wenn es um Hypatias Kommentierung von Diophant geht. Diese Geschichte geht auf eine Bemerkung in einem recht unzuverlässigen Lexikon aus dem 10. Jahrhundert, der Suda, zurück; dort steht etwas davon, dass Hypatia einen astronomischen Text eines gewissen Diophant kommentiert habe. Paul Tannery hat dieses Zitat 1880 etwas modifiziert und daraus einen Kommentar zu Diophants Arithmetika gemacht, einem vermutlich 13-bändigen Werk, von welchem 6 Bücher in griechischer Sprache und 4 weitere in arabischer Übersetzung erhalten sind.  Aus einer Zeile, die Diophants Werk Arithmetika gar nicht erwähnt, werden im Laufe der Jahre ein 13-bändiger Kommentar zu Diophants Arithmetika; Beispiele dafür sind:

  • Margaret Alic (Hypatia's heritage)
  • Gabriella Bernardi (The unforgotten sisters)
  • Lisa Yount (A to Z of Women in Science and Math)
  • Rahel Kern, Brien Masters (Kindling the Word: The Karmic Background of Marie Steiner-von Sivers)

und wahrscheinlich ein gutes Dutzend weitere Bücher, der Großteil davon von Frauen verfasst. Auch diverse Mathematiker haben sich an Spekulationen beteiligt, welche Teile von Diophants Arithmetika auf Hypatia zurückgehen könnten, allen voran einmal mehr Paul Tannery. Alan Cameron beschreibt Tannerys Technik der Interpretation klassischer Zitate in einem seiner Artikel so:

       Tannery's own interpretation is so remarkable
       that no summary could do it justice.

Warum Tannery immer noch als Autorität in Sachen Geschichte der Mathematik gilt, weiß ich nicht.

Die genauen Gründe für den Mord an Hypatia sind unbekannt. Tatsache ist, dass es in Alexandria, einer griechischen Siedlung in Ägypten, regelmäßig Auseinandersetzungen zwischen den Religionen gab, so etwa den jüdischen Aufstand aus dem Jahre 116 n.Chr. Weitere Unruhen folgten, als 391 der christliche Bischof Theophilos die heidnischen Feiertage abschaffte und Tempel schließen ließ; die Machenschaften seines Neffen, dem heiligen Kyrill, könnten Hypatia letztendlich das Leben gekostet haben - nichts genaues weiß man nicht. Bekannt dagegen ist, dass Kyrill auf dem Konzil von Ephesos fast eine halbe Tonne Gold als Bestechungsgeld ausgegeben hat, um das Dogma von der Gottesmutterschaft Marias durchzusetzen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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