Freitag, 27. November 2020

Alter Wein in neuen Schläuchen

Ich zitiere im Folgenden aus einem satirischen Buch über Erziehungswissenschaften:

    Zu Beginn der Vorlesungen auf diesem Gebiet an der Universität  hatten die Professoren der Pädagogik wenig Inhaltliches zu unterrichten. Sie verbrachten die meiste Zeit damit, ihre Studenten durch Regeln und Beispiele zu ermutigen und bei ihrem Erlernen des Unterrichtens auf der Grundschule und der weiterführenden Schule zu leiten. 

Sie gaben praktische Hinweise zur Organisation und Verwaltung von Klassen, beschrieben einige Faustregeln, die in manchen Situationen wertvoll sein könnten, und erzählten Geschichten über die guten und die schlechten Lehrer, die sie gekannt hatten.

Die rohe und naive Arbeit der Professoren für Erziehungswissenschaften wurde von den Fachwissenschaftlern verachtet. [ . . . ] Die akademische Verachtung für die Pädagogik hatte eine gute Wirkung auf die Erziehungswissenschaftler. Angestachelt von den berechtigten Verweisen auf ihren niedrigen kulturellen Status beschlossen sie, ihrer Disziplin zu Ansehen zu verhelfen.

Sie erreichten dieses Ziel mit einem großen Maß an Energie und Selbstverleugnung. Zuerst organisierten sie ihr Fach systematisch und zerlegten die Inhalte in respektable kleine Einheiten, errichteten Schranken, um Professoren von Ideen außerhalb ihrer eingeschränkten Fachgebiete zu isolieren, und verlangten immer mehr Spezialisierung, um spärliches Wissen und breite Ignoranz zu erreichen, welche die steinzeitliche Universität von ihren ausgezeichnetsten Fakultätsmitgliedern verlangte. Es war auf diesem Gebiet, auf dem die Erziehungswissenschaftler größten Mut und Einfallsreichtum zeigten.

Sie standen dem fast unüberwindbaren Hindernis gegenüber, dass Erziehung sich mit dem Wandel des menschlichen Geistesbeschäftigte, einem äußerst komplexen Phänomen. Die Aufgabe, Lernsituationen zu vermessen, bei denen eine unbekannte Anzahl von Faktoren eine Rolle spielten, die sich ständig mit unbekannter Geschwindigkeit veränderten und unbekannte Effekte hatten, war eine enorme, aber die Professoren zögerten nicht, sie anzugreifen.

Schließlich arbeiteten die Erziehungswissenschaftler an ihrer akademischen Seriosität, indem sie dafür sorgten, dass ihr Fach schwierig zu lernen wurde. Auch dies war eine schwierige Aufgabe, aber sie hatten bewundernswerten Erfolg dadurch, dass sie die Verfahren ihrer akademischen Kollegen nachahmten.

Sie organisierten ihr Fach logisch. Dies führte zwangsläufig dazu, dass sie abstrakte und philosophische Kurse in Erziehungswissenschaften Bildung zuerst anboten und jedwede praktische Arbeit in ihrem Fach so lange hinausschoben, bis die Studenten mit den gewohnten Verbalisierungen des Fachs vertraut und dadurch gegen Infektionen mit neuen Ideen immun waren.

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Sie waren akademisch angekommen. Als sie dieses Ziel erreicht hatten, waren viele der Studenten, welche die Professoren der Erziehungswissenschaften eigentlich auf den Unterricht vorbereiten hätten sollen, äußerst schlechte Vertreter ihrer Zunft. Auch sie versuchten, logisch, wissenschaftlich und auf respektable Art langweilig zu sein, und es gelang ihnen in vielen Fällen fast genauso gut wie ihren Professoren der  Erziehungswissenschaften und manchmal sogar besser als ihren Professoren für Kultur.

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Eine Gruppe kam zu dem Schluss, dass der Hauptfehler der derzeitigen Erziehungsmethoden einfach dem Umstand geschuldet war, dass es zu viel Führung beim Lernen gab.

"Lasst die Kinder natürlich in ihre Lernaktivitäten hineinwachsen", berieten sie die Lehrer. "Der Sinn und die Methoden müssen aus ihrem eigenen Antrieb kommen. Ohne Einmischung und Beherrschung durch die Lehrer sollen die Kinder immer selbst entscheiden, was sie tun möchten, planen, was sie machen möchten,  ausführen, was sie geplant haben und den Wert dessen, was sie gemacht haben, beurteilen." 

Die Lehrer waren verwirrt. "Aber wozu sind wir dann noch da?", fragten sie. "Wenn die Kinder das alles selbst machen, brauchen sie keine Lehrer mehr!" "O nein!", versicherten die Experten. "Der Lehrer ist ein sehr notwendiger Begleiter. Er wird die Kinder in die Richtung einer weisen Wahl der richtigen Aktivitäten lenken und ihnen zeigen, wie sie sich intelligenter und effektiver mit den Aktivitäten beschäftigen, mit denen sie sich ohnehin beschäftigt hätten."

Heute ginge das nicht mehr als Satire, sondern als Zustandsbeschreibung durch. Der obige Ausschnitt stammt aus dem Buch "The Saber-Tooth Curriculum" von J. Abner Peddiwell (aka Harold Benjamin) und wurde 1939 veröffentlicht. 


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