Samstag, 20. Juli 2024

Klappe zu

Die Angriffe auf meine Person nach meinem Beitrag zum Abitur 2024 haben jedes erträgliche Maß überschritten. Aus gesundheitlichen Gründen ist dieser Blog hiermit eingestellt.


Montag, 24. Juni 2024

Dinkelsbühler Kinderzeche und der 30jährige Krieg

Weil ich in Geschichte nur über lückenhafte Kenntnisse und einen recht dürftigen Überblick verfüge, habe ich mir beim Schreiben meiner 4000 Jahre Zahlentheorie sehr viel angelesen, und zwar nicht nur über Babylonier, Griechen und die Ausbreitung des Islam, sondern unter anderem auch über den 30jährigen Krieg. Das meiste ist am Ende den aus Umfangsgründen  notwendigen Kürzungen zum Opfer gefallen. Etwas aus der Reihe tanzend gibt es heute also ein paar Geschichten aus dem 30jährigen Krieg, nicht zuletzt auch deswegen, weil demnächst in Dinkelsbühl wieder die Kinderzeche stattfindet.

Im Bericht über den 30-jährigen Krieg (Weng, Die Schlacht bei Nördlingen und Belagerung dieser Stadt in den Monaten August und September 1634, Seite 61) liest man über die Wirren dieses Krieges Folgendes:

Am 12. August 1633 rückte Graf Isolani mit seinen Kroaten vor die Stadt Hochstädt und forderte sie zur Übergabe auf, wozu auch die Bürger sogleich sich bereitwillig erzeigten. Allein eine  friedliche, unblutige Uebergabe, die ihm Schonung auferlegt hätte,  wollte der Graf nicht. Er ließ auf die Leute schießen, welche das Thor öffnen wollten, und da sie natürlich sich zurückzogen, ließ er es mit Aexten aufhauen. Kaum fiel das Fallgitter, da drang die unmenschliche Schaar mit viehischer Wuth in die Stadt und verhängte alles, was teuflische Bosheit dem Menschen eingeben kann, über die unglücklichen Einwohner. Lassen wir unsern Chronikschreiber selbst sprechen: "Manns- und Weibspersonen wurde ohne einigen Unterschied kalt und heißes Wasser bis zum Zerplatzen eingegossen (das hieß der schwedische Trunk), Mist- und Kothlachen eingeschüttet, mit Ketten und Stricken bis auf den Tod geraitelt; etlichen Daumenstöcke angelegt, bei den Schamtheilen aufgehängt, mit Nadeln durchstochen, Sägen auf den Schienbeinen hin- und hergezogen; mit Holzscheitern die Füße bis auf die Knochen abgerieben, die Fußsohlen zerquetscht, mehrern die Arme auf den Rücken gebunden und so aufgehenkt, andere nackend in der Stadt herumgeführt, ihre Rücken mit Beilen und Hämmern zerfetzt und zerschlagen und alle Leute so gequält, daß sie flehentlich baten, von ihren Tyrannen todtgeschossen zu werden."

Beim Raiteln wird dem Opfer eine Kette oder ein festes Seil um den Kopf gebunden und dieses mit Hilfe eines Holzpflocks so fest zusammengezogen, bis die Augen aus den Höhlen treten und der Schädel platzt. Die Bedeutung einer Unmenge von Wörtern, die im 30-jährigen Krieg gebräuchlich waren, hat Bernd Warlich auf seiner Webseite zusammengestellt.

Johann Ludwig Hektor Graf von Isolani (1586-1640) hat schon als minderjähriger Jugendlicher in Kroatien am Krieg gegen die Türken teilgenommen. Außer dem Soldatenberuf hat er wohl nichts gelernt, und ab 1634 (dem Jahr, in dem Isolani zum Graf ernannt wurde) werden seinen Truppen fürchterliche Kriegsverbrechen zur Last gelegt; so macht er am 16. Oktober 1634 die Stadt Themar (Thüringen) dem Erdboden  gleich; gelegentlich werden seine Truppen in Kriegshandlungen verwickelt, aber den Großteil ihrer Zeit verbringen sie mit Brandschatzen und  Plündern. In der Rhön nimmt Isolanis Kriegsvolk die Pest (oder eine der vielen Epidemien, die damals als Pest bezeichnet wurden) mit und bringt sie nach Nördlingen. Unsterblich gemacht hat ihn Schiller in seinem Drama Die Piccolomini mit dem Eingangsvers

Spät kommt Ihr - Doch Ihr kommt! Der weite Weg, 

Graf Isolan, entschuldigt Euer Säumen.

Den Kriegsparteien schlossen sich von Zeit zu Zeit kleinere Gruppen an, die ihre Zeit als Söldner vor allen Dingen als Rechtfertigung für Brandschatzen und Morden sahen; bei Weng steht dazu folgende Episode über Zipplingen:

 Am 9. April 1632 kamen 25 schwedische Reuter, die nach Dinkelsbühl beordert waren, in dem Dorf Zipplingen an und wurden einquartiert,  aber mitten in der Nacht von Bauern im Schlaf überfallen und ihrer Pferde, Waffen und ihres Geldes beraubt. Zehn von ihnen wurden erschossen und ein eine Grube verscharrt. Einer dieser unglücklichen soll wieder hervorgekrochen seyn und um Barmherzigkeit gefleht, die wüthenden Bauern aber ihn wieder in die Grube zurückgeworfen und mit Füßen todtgestoßen haben. So erzählten es wenigstens die Reuter, die sich mit Hülfe ihrer Pferde durch die schleunigste Flucht gerettet hatten.

Die Überlebenden schicken von Nördlingen aus ein Schreiben nach Zipplingen, in welchem Sie ihren Besitz zurückfordern. Die Bauern fragen beim Oberamtsmann in Wallerstein nach, was sie tun sollten; der lässt den Schweden ausrichten, sie seien Diebe und Schelme, da sie die Kirche in Zipplingen aufgebrochen und die ``Kelche und Monstranz mit  Füßen getreten'' hätten. Daraufhin reiten drei der Schweden  in das Hauptquartier nach Lechhausen bei Augsburg und erzählen dort ihre Version; König Gustav schickt postwendend 400 Mann in das Dorf.

Am 15. April wird Zipplingen umstellt, alle Wohnhäuser und Scheunen in Brand gesteckt, und die fliehenden Bewohner erschossen; lediglich zwei Bauern soll die Flucht geglückt sein. Auch heutzutage trägt der Maibaum in Zipplingen noch eine Schwedenfahne.

Welche der beiden Darstellungen der Wahrheit näher kommt, lässt sich heute nur noch schwer feststellen; die Geschichte mit dem Überfall auf die nichtsahnenden schlafenden Soldaten stammt jedenfalls von den Schweden. Dass diese im Schlaf überfallen wurden, dabei ein Dutzend der Soldaten entkommt und diese auch noch mitten in der Nacht beobachten  können, wie einer der ihren aus einer Grube herauskriecht, fällt nicht ganz leicht zu glauben, insbesondere, wenn man den Bericht mit anderen aus derselben Zeit vergleicht und sich an die Aussage des Wallersteiner Oberamtsmanns erinnert.

Bei F. Freiherr von Soden (Gustav Adolph und sein Heer in Süddeutschland von 1631 bis 1635. Zur Geschichte des dreißigjährigen Krieges. II Band. S. 269)  liest man etwa:

Am 5. September wollte der Schwedische Kapitän Franz Augustus von  Estorf vom Sperreuth'schen Regiment mit seiner Truppe Mittags zu Schnelldorf füttern, da überfielen ihn mit den Seinigen unvermuthet 150 Bauern, welche sich zusammengerottet. [ . . . ] Estorf bat nun um Rückgabe der abgenommenen Effecten. [ . . .] Der Vogt zu Feuchtwang, Lorenz Dietrich ließ über diese verübten Excesse Untersuchung anstellen und schickte einen Bericht über das Betragen des Hauptmanns Estorf an Solms nach Crailsheim. Die Sperreuth'schen Soldaten hatten nach diesem Bericht in der Gegend von Schnelldorf geplündert, die Pferde von den Aeckern weggenommen, Bauern bis aufs Hemd ausgezogen und ohne jede Veranlassung unbarmherzig mißhandelt, Andere verwundet. Die Bauern mehrerer Dörfer läuteten nun Sturm, verfolgten die  Plünderer 3 Stunden weit, trafen sie in Schnelldorf und verlangten das Geraubte zurück. Die Reiter setzten sich nun zu Pferd und rückten auf die Bauern los mit bloßen Pistolen und aufgezogenen Hahnen; schossen auf sie. Die Bauern griffen nun zur Nothwehr, Pferde und Pistolen gaben sie dem Kapitän zurück; mit freundlichem Abschied zog er von dannen, versprach nicht weiter zu klagen noch sich zu rächen.

So ähnlich dürfte das in Zipplingen auch gelaufen sein, vom Ende einmal abgesehen. Auf S. 299 des Buchs von Soden steht eine weitere derartige Geschichte aus Markt Erlbach:

Am 17. September [1633] fielen 10 Schwedische Reiter dort ein. Man gab  ihnen Brod und Bier; den Pferden Futter. Damit nicht zufrieden,  plünderten sie, nachdem sie zu 80 angewachsen, Alles aus, brachen mit Gewalt in die Kirche, raubten aus derselben Kelch und Patene. Als sie sich überzeugt, daß sie nur von Zinn, warfen sie solche wieder weg. Sie nahmen Pferde, Schafe etc. mit, tranken den Wein aus. Was sie nicht trinken konnten, nahmen sie in einem Fäßchen oder auf Karren mit.

Geschichten wie diese lassen sich aus vielen Gegenden berichten, in denen die Armeen - egal ob deutsch oder schwedisch, katholisch oder protestantisch - hausten. Der ``Rath von Nürnberg'' forderte Anfang 1634 die ``Abstellung der von des evangelischen Bundes Soldateska täglich verübten zuvor auch von Heiden und Türken niemals erhörten barbarischen und mehr als übertyrannischen Unthaten, Mord,  Plackereien, Raub, Plünderung und Abnahm''. Weiter steht dort "Besonders wurden abscheuliche, unmenschliche Thaten am Weibervolke ohne Schonung des hohen Alters oder der zarten Kindheit verübt'".

Ein Spruch aus der damaligen Zeit zeigt ebenfalls, wie die Schweden  im Ries (und anderswo) gehaust haben müssen:

Der Schwed' ist g'kommen 

hat alles mitg'nommen 

die Fenster eing'schlagen 

das Blei fortgetragen! 

d'raus Kugeln gegossen 

und alles erschossen

Nach dem Tod Gustav Adolphs in der Schlacht bei Lützen scheint niemand  mehr die schwedischen Soldaten im Griff gehabt zu haben. Über einen besonders rohen Soldaten namens Sperreuter finden sich bei Wikipedia folgende Angaben. Claus Dietrich Freiherr von Sperreuther (ca. 1600-1653) war wohl einmal an der Universität Helmstedt immatrikuliert, allerdings nicht lange: bereits als 18-jähriger nimmt er am böhmischen Krieg teil; 1623 tritt er in die schwedische Armee ein. 

Weil er die Stadt Dinkelsbühl kampflos eingenommen hat, wird er dort heute noch verehrt. Die rührende Geschichte von der Kinderlore, die Dinkelsbühl 1632 im 30-jährigen Krieg vor der Plünderung durch schwedische Truppen bewahrt haben soll, liest sich auf Wikipedia so:

Als der schwedische Heerführer bei der Übergabe der Stadt ankündigte, diese für ihren Widerstand zu bestrafen, der Plünderung durch seine Soldaten zu überlassen und sie anschließend zu zerstören,  zog Lore mit den Kindern vor den Heerführer und bat um Gnade für die  Stadt um der Kinder willen. Der Anführer, durch den Tod seines Sohnes  noch in Trauer, war daraufhin so gerührt, dass er Dinkelsbühl tatsächlich verschonte.

Historisch ist an dieser Geschichte nichts: sie wurde 1897 von Ludwig Stark als "historisches Festspiel" für die Kinderzeche geschrieben. 

Der wahre Kern, den Stark etwas ausgeschmückt hat, ist folgender: Niklas Dietrich Sperreuter, der Heerführer der Schweden, hatte in der Tat eine Schwäche für junge Mädchen. 1633 heiratete er in Ansbach die 1618 geborene Katharina von Lentersheim, die er, noch  14-jährig, in Dinkelsbühl geschwängert hatte. Sein erstes Kind wurde nach der Kapitulation von Dinkelsbühl am 10. Mai 1633 in Krautheim getauft und vermutlich nur wenige Tage zuvor auch geboren; die Mutter war Anna Magdalena Behaim. Ein später geborener Sohn Friedrich Klaus von Sperreuth starb im Alter von 1 Jahr und 8 Monaten.

Über diesen Sperreuter heißt es in der Chronik  des Stadtpfarrers zu Nördlingen, Johann Friedrich Weng, auf Seite 68_

Übel berichtiget [berüchtigt] in Nördlingen  und in allen Dörfern des Rieses war besonders Sperreuter, dessen schon mehrmal gedacht wurde. Einer der rohesten und fühllosesten Menschen, schauderte er vor keiner Art von Grausamkeit zurück. Wo er mit seinen Reutern hinkam, wurde alles geraubt und die Menschen bis aufs Blut gequält. Weder Stand, noch Alter, noch Geschlecht schützte vor seiner brutalen Bosheit, die mit der unersättlichsten Habsucht und Wollust verbunden war.

 In Nördlingen musste sich eine Lodwebers Tochter von 12 Jahren seinem Willen ergeben, die er dann nach Augsburg schickte, um sich ihrer dort weiter zu bedienen. In Wemdingen setzte er der Bürgermeisterin die Pistolen an die Stirne, weil sie ihm ihre Pflegtochter, ein Mädchen von 13 Jahren, nicht überlassen wollte''.  "Seine H*** und Bubenstücke", sagt einer unserer Chronikschreiber, "sind nicht zu erzählen. Er war ein solcher Leutschinder und Beutelräumer, daß er den Wemdingern 6000 Thaler Kauzion auspreßte. - Sperreuters Soldatesca hat so ungöttlich und verteufelt gehandelt, daß sie in die Kirchen haben gebrochen, die Almosenstöcke ausgeleert und Alles gestohlen. Seine und seiner Soldaten heroische Thaten waren diese: Fressen,  Saufen, H***, Spielen, Gotteslästern, Plündern, Stehlen, Rauben, u. s. w."

Als Lohn für seine Schandtaten erhielt Sperreuter die Stadt Wemding und das Kloster Kirchheim ("für ausgelegte Rüstungskosten''), verlor diese aber nach seinem Seitenwechsel zu den Katholischen. In Dinkelsbühl ist auch heute noch die Obrist-von-Sperreuth-Straße nach dem Kinderschänder benannt.

Mittwoch, 29. Mai 2024

Abitur 2024

 Was war denn das?

Das leichteste Mathe-Abi aller Zeiten? Auf youtube ist man sich da einig, und ich verstehe immer noch nicht, was da passiert ist. Natürlich wollten die Bayern möglichst wenig Durchfaller, weil dieses Jahr der letzte G8-Jahrgang dran war und es nächstes Jahr nur ein Notabitur für die Durchgefallenen gibt. Allerdings liegen BW und NRW und Thüringen nicht in Bayern; aber mit dem Senken des Niveaus hat die KMK in den letzten 30 Jahren niemals Probleme gehabt. 

Dass das Niveau aber derart in den Boden gerammt wurde wie dieses Jahr ist schon ein wenig frech. Im oberen Notenspektrum dürften die Noten in BW etwa 3 Punkte über dem liegen, was man hätte erwarten können, und 5 Punkte über dem, den die Schüler erhalten hätten, wäre das Abi so schwer gewesen wie im letzten Jahr.

Manche Tendenzen haben sich jetzt verfestigt: In Analysis gab es außer \(\sin(\frac12 x)\)  oder \(e^{2x-1}\) nichts abzuleiten, keine Produktregel, nur lineare Verkettungen, und zu integrieren gab es eine quadratische Funktion. Immerhin. Stammfunktion von \[ \frac1x \) oder die Ableitung von \[ \ln(x)\) suchte man ebenfalls vergeblich; eigentlich ging es an keiner Stelle über den Lehrplan des Basisfachs hinaus. Der Wahlteil Analysis war geschenkt, der Wahlteil Geometrie drehte sich wie 2022 um eine Geradenschar, und Stochastik war eine Sammlung von Standard-Basisfach-Aufgaben.

War vor drei Jahren noch jeder  Quader der Lebenswelt der Schülerinnen zuliebe ein Kunstwerk, haben wir jetzt Geraden- und Ebenenscharen. Und jedesmal geht es darum zu zeigen, dass die Geradenschar in einer Ebene liegt, dass eine Gerade nicht zur Schar gehört, oder zu keiner Schargeraden parallel ist usw. usf. 

Ganz ohne blöde Formulierungen kommt man immer noch nicht aus.  Anstatt das Allerweltswort "zeige" zu benutzen, sollen die Schüler "begründen", dass irgendein  Punkt auf dem Schaubild einer Funktion liegt, was dazu geführt hat, dass 80 % angefangen haben, irgendetwas von Strecken und Stauchen zu erzählen anstatt das einfach nachzurechnen. Da hat man diese blödsinnigen Operatoren eingeführt, um sich genau ausdrücken zu können, und dann benutzt man sie, um die Schüler auf die falsche Spur zu setzen. 

Zurück zum nicht mehr vorhandenen Niveau. Eine große Neuerung sind die den Lösungen beigefügten Kompetenzraster. Für jede winzige Frage (Bestimmen Sie die Ableitung an der Stelle \(x = 0\) ) wird jetzt angekreuzt, welche der sechs Kompetenzen auf welchem Anforderungsbereich (I, II oder III)  abgefragt werden, Das muss man sich so vorstellen:


Der Anforderungsbereich der Aufgabe ist also das Maximum der Anforderungsbereiche der Teilkompetenzen. Da soll noch einer sagen, Didaktik wäre keine exakte Wissenschaft. Wozu das gut sein soll erschließt sich dem Laien dagegen nicht. Es hilft dem Lehrer nicht bei der Auswahl der Aufgaben und nicht bei der Korrektur, und die Schüler bekommen das nicht zu sehen. Erklärungsmöglichkeiten sehe ich zwei:

  • Im Regierungspräsidium sitzen zu viele Leute, die man mit sinnlosen Aufgaben beschäftigen muss. 
  • Diese Kompetenzraster werden eingeführt, damit man uns Lehrern beweisen kann, dass die Aufgaben jedes Jahr denselben Schwierigkeitsgrad haben.
Die Zweitkorrektur macht ebenfalls jedes Jahr weniger Spaß. Was mich inzwischen erschreckt ist nicht so sehr die Tatsache, dass die Schüler die einfachsten Dinge nicht können, sondern dass ein Großteil der Abiturienten nicht in der Lage ist, einen Gedanken angemessen in Worte zu fassen. Es gibt welche, die schreiben jedes vierte Wort falsch, es fehlen Artikel, es gibt elementare Grammatikfehler, und wenn der Satz dann doch mal grammatikalisch korrekt ist, muss man raten, was sie eigentlich sagen wollten. 

Allen, die jetzt 40 sind: Vergesst eure Rente.




Mittwoch, 24. April 2024

AfDyskalkulie

Dyskalkulie gilt als Rechenschwäche beim Lernen der Grundkenntnisse. Es gibt sie aber wohl auch bei Erwachsenen, und es freut mich ganz besonders, dass es eine Partei gibt, die offen damit umgeht. Gemeint ist diesmal nicht das Ministerium von Frau Paus, sondern die baden-württembergische AfD, die ihr BWjournal ungefragt in die Briefkästen im Land legen lässt.

In bester BILD-Manier die Überschrift: Der Heiz-Hammer kommt! 

Was tun, wenn man sie erneuern muss? Nach der Lektüre kann ich jedem, dem das bevorsteht, den guten Rat geben, niemanden von der AfD zu fragen. Bei denen funktioniert der Austausch einer Heizung nämlich so:

Maßnahme Kosten
Wärmepumpe inkl. Speicher und Fußbodenheizung 35.000 Euro
Dach sanieren 45.000 Euro
Estrichleger 5.000 Euro
Neue Fenster 35.000 Euro
Fassade isolieren 10.000 Euro
Malerarbeiten innen 25.000 Euro
Fliesenleger 5.000 Euro
Elektriker 10.000 Euro
Bad sanieren 5.000 Euro
Türen innen 3.000 Euro
Einbauküche aus- und einbauen 5.000 Euro

Da fielen mir auch noch ein paar Posten ein, die man bei der AfD wohl übersehen hat, wenn man seine Heizung wechselt. Die Milchmädchenrechnung stammt vom handwerkspolitischen Sprecher der AfD in BW, Joachim Steyer (Mittlere Reife 1982 Gesamtschule Bremen-West, danach Klempner). Vielleicht wird eine abgeschlossene  Ausbildung  bei unseren Parlamentariern tatsächlich etwas überbewertet. Und wenn jemand einen Handwerker kennt, der mir für 10.000 Euro die Fassade isoliert: Herschicken! Selbst wenn er von der AfD ist. 

Auf der andern Seite: Die 200.000 Euro für eine neue AfD-Heizung sind in etwa so viel wie die Kosten für zwei Verkehrsschilder an der Autobahn, die auf eine touristische Attraktion hinweisen - da ist man neuerdings mit 180.000 Euro dabei.

Dienstag, 2. April 2024

cosh

 Auf dem Forum in Bonn haben wir uns gefragt, ob es den alten Holzmichl die cosh-Gruppe BW noch gibt, die seinerzeit mit einem Mindestanforderungskatalog versucht hatte, den Niedergang der Schulmathematik etwas zu bremsen. Die Wirkung des Mindestanforderungskatalogs war ziemlich genau Null, und seither hat man nicht mehr viel von cosh gehört. Also hab ich mal nachgesehen, und ja: der alte Holzmichl lebt noch. Auf ihrer Webseite steht

cosh steht für ein Kooperationsteam zwischen Schule und Hochschule. Diese Arbeitsgruppe setzt sich für eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen des Landes Baden-Württemberg ein.

LehrerInnen erarbeiten gemeinsam mit ProfessorInnen Möglichkeiten und Wege, SchülerInnen auf ein Hochschulstudium vorzubereiten.

Das ist schön, wen Lehrerinnen und Lehrerinneninnen mit Professorinnen und Professorinneninnen zusammenarbeiten. Wie das funktioniert, kann man an der letzten Jahrestagung aus dem Jahre 2024 sehen: die Hauptvorträge hielten

  • Didaktikerin Dörte Haftendorn ​​​​​
  • Didaktiker Gilbert Greefrath
  • Didaktiker Alexander Salle
  • Didaktiker Walther Paravicini.
Damit haben die Didaktiker, die ja weder mit dem Mathematikunterricht an der Schule, noch mit der Lehre der Mathematik an Hochschulen viel zu tun haben, die cosh-Gruppe gekapert. Tatsächlich nicht erst 2024, weil die Vorträge in den letzten Jahren ebenfalls aus der Didaktik kamen.

Wer die Didaktik kennt, ahnt, dass dabei nicht allzu viel rüberkommt. Schaut man auf der cosh-Webseite unter "Aktivitäten", dann kann man sehen, dass die cosh-Gruppe in den letzten Jahren nicht arg viel mehr zustande gebracht hat als einen Test zu konzipieren, mit dem sich Schüler am Ende der Oberstufe testen können. Dass die Sau vom Wiegen fetter wird ist ein Axiom der heutigen Bildungsforschung. Ansonsten haben sie Links auf ein paar Aufgaben aus Österreich gesetzt. 

Auch sonst ist cosh auf der Höhe der Zeit. So hat cosh-Mitglied den Ars-Legendi-Preis 2024 vom Stifterverband erhalten. Die Begründung liest sich so:

Prof. Anselm Knebusch von der Hochschule für Technik Stuttgart setzt das innovative Konzept des "computerbasierten Lernens im Hörsaal" ein, um der Heterogenität der Studienanfänger in der Mathematikausbildung der Ingenieursstudiengänge zu begegnen. Zur Aktivierung der Studierenden wird der neue Ansatz des Blended Learnings genutzt. Erreicht wird die innere Differenzierung der Lehre durch angepasste Lernvideos und interaktive Übungsaufgaben, die im Hörsaal individuell bearbeitet werden. Dabei ist die Lehrperson für Fragen präsent und wird so zum Lerncoach. Der Ansatz ist maßgeschneidert auf die Bedürfnisse einer heterogenen Lerngruppe, in der Selbstlernkompetenzen angelegt sind, die aber noch ausgebaut werden müssen.  
Die Jury möchte mit dieser Auszeichnung auch die Bedeutung der Nebenfachausbildung betonen.
   
Im Hörsaal gucken die Studierenden also Lernvideos, während der Professor Lerncoach für Fragen präsent ist. Das ist natürlich auch eine Methode, den Übergang zwischen Schule und Hochschule zu erleichtern: die Universität als Fortsetzung der Schule mit anderen denselben Mitteln.

Freitag, 8. März 2024

Abitur Gabun 2021

 Aus der Reihe Mathematikabitur im Rest der Welt heute Gabun 2021.


Exorphysikmus

 Wer hätte das gedacht, dass die Physik noch vor der Mathematik aus dem Schulunterricht entfernt wird? Man lernt halt nie aus, schon gar nicht auf Fortbildungen, auf denen man von den Segnungen des Zeitgeistes erfährt und gesagt bekommt, Einwände würden nicht nach oben weiter gegeben, weil das sinnlos sei. Während die US-Republikaner seit Reagan vom trickle-down faseln, also der Theorie, dass der Normalsterbliche irgendwann reicher wird, wenn man den Reichen die Steuern erlässt, ist das im deutschen Schulwesen seit Jahren Realität: Die Weisheit der Edukratoren tropft langsam, aber stetig vom RP zu den Fachreferenten zu den Lehrern herunter. 

Und die müssen den Mist dann aufwischen.

Gestern hat mir TG Materialien aus seiner jüngsten Fortbildung zukommen lassen, in der es darum ging, wie künftig Physik-Klassenarbeiten in der Mittelstufe auszusehen haben. Der Vorschlag der IQB unterscheidet sich im Niveau nur unwesentlich vom Rest, aber fangen wir damit an.

Aufgabe 1

In einer Lokalzeitung erschien ein Artikel darüber, dass in einem stillgelegten Atomkraftwerk in Gundremmingen (Bayern), ein neues Atommüll-Zwischenlager gebaut werden soll (Material 1).

Der Gemeinderat hatte im vorangegangenen Jahr den Bau eines solchen Lagers für sogenannte Castor Behälter zunächst verweigert (Material 2).

Versetze dich in die Perspektive eines Gemeinderatsmitgliedes, das in der Gemeinderatssitzung für oder gegen den Bau des Zwischenlagers stimmen wird.

Reflektiere die kurz- und langfristigen Folgen deiner Abstimmung im Gemeinderat. Verfasse dazu eine kurze Rede im Gemeinderat.

Aufgabe 2:

Schätze die Risiken ein, die der Transport und die Aufbewahrung von abgebrannten Brennstäben mit sich bringt (Material2). Nimm dabei Bezug auf das Atomgesetz (Material 3).

Das war's dann auch schon. Kompetenzorientiert, frei von jeder Rechnung, frei von Mathematik und Physik. Material 1 ist ein Artikel aus der Heidenheimer Zeitung, der aber so klein abgedruckt ist, dass man ihn nicht lesen kann. Muss man aber auch nicht, anscheinend reicht es, dass der Artikel erschienen ist und man eine Quelle hat. Am Ende von Material 1 wird der Name Castor erklärt:

Der Name „Castor“ ist die Abkürzung für "cask for storage and transport of radioactive material", was übersetzt "Behälter zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials" bedeutet.

Für die Schüler. die Schwierigkeiten haben, sich das zu merken, beginnt Material 2 mit einer weiteren Erklärung des Namens:

Der Name Castor ist die Abkürzung für "cask for storage and transport of radioactive material", was übersetzt "Behälter zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials" bedeutet.

Bis auf die fehlenden Anführungszeichen um "Castor" ist das jetzt kein wirklicher Erkenntnisgewinn. Aber wenn das IQB die Anführungszeichen weg lässt, ist das bestimmt ein Zeichen. Fragt sich wofür. 

Auch wofür der Rest von Material 2 gut ist, kann man sich fragen. Hier handelt es sich um eine Erklärung, wie ein Castorbehälter aufgebaut ist.  Man erfährt etwa:

20/28 bedeutet, dass wahlweise 20 oder 28 Glaskokillen in dem Castor-Behälter untergebracht werden können.

Falls Sie das wissen wollten, sich aber nie zu fragen getraut haben: Jetzt wissen Sie's. Was eine Glaskokille ist, kann der Schüler nach der Klassenarbeit im Internet recherchieren. Dennoch: Was hat das mit den Fragen zu tun? Ist der Aufbau für die Bewertung der Risiken nützlich? Für 15-jährige Schülerinnen?

Und was fangen die Schüler mit folgendem Auszug aus dem Atomgesetz an?

„Nach §4 und §6 des AtG (Atomgesetzes) benötigt sowohl die Beförderung als auch die Aufbewahrung von Kernbrennstoffen eine Genehmigung, die vom BfS (Bundesamt für Strahlenschutz) erteilt werden kann. Die Wärme entwickelnden radioaktiven Abfälle werden in speziellen Behältern sowohl für den Transport als auch die Lagerung verwahrt.

Dazu muss insbesondere der Nachweis über

• den sicheren Einschluss des radioaktiven Inventars,

• die ausreichende Abschirmung gegen ionisierende Strahlung,

• den Ausschluss des Entstehens einer kritischen Anordnung (Unterkritikalität),

• und die sichere Abfuhr der Zerfallswärme

erbracht werden. Das BfS überprüft die ausreichende Abschirmung gegen Strahlung und die Kritikalitätssicherheit.

Kritikalitätssicherheit? Wasndasalder? So macht man heute spannenden Physikunterricht. Scheints. Natürlich kann man sich in Physik über die Kernspaltung unterhalten. Man sollte dazu etwas über das Bohrsche Atommodell, Protonen, Neutronen, E = mc^2, Radioaktivität, ionisierende Strahlung, langsame und schnelle Neutronen und schweres Wasser wissen - kein Problem für Mittelstufenschüler, die schon von einem Weg-Zeit-Diagramm überfordert sind.

Was soll man jetzt daraus schließen? Dass hier Ideologen und Idioten am Werk sind, die jeden Tag vom späten Vormittag bis zur Mittagspause daran arbeiten, die letzten Reste eines Bildungssystems zu zerschlagen? Dass man diesen Leuten ins Hirn geschissen hat? Oder doch, dass die Spezialisten im RP  überaus intelligent sind  und ich die herabtropfende Weisheit einfach nicht zu goutieren weiß? 


Mittwoch, 14. Februar 2024

SSU

Mein NRW-Leidensgenosse hat mich gebeten, etwas über den sprachsensiblen Unterricht zu schreiben; jetzt hat er es selbst gemacht, was mir viel Arbeit spart - Danke! Zwei kleine Bemerkungen möchte ich aber nachtragen:

1. Die beste Doodelei aus dem 50-MB-Bildvokabelset ist zweifelsohne folgende: 


Ineinandergreifende Zahnräder, die sich nicht drehen können, sind in didaktischen Publikationen keine Seltenheit. Liegt vermutlich daran, dass die Leute Didaktik und nicht Ingenieur studiert haben:


2. Die von der Uni Bochum organisierte Akademie zur Fortbildung von Lehrern weiß auch, wie man den Mathematikunterricht sprachsensibel gestaltet und was uns Lehrern fehlt, um derart unterrichten zu können. Deswegen gibt es eine Fortbildung, in welcher die Lehrer was lernen. Ach was sag ich denn, nach welchen die Lehrer was können, nämlich:

Die Lehrkräfte können Hürden in Textaufgaben erkennen und diese umgehen 

Bei so etwas geht einem Sensibelchen wie mir das Messer in der Tasche auf. Hürden in Textaufgaben erkennen? Natürlich kann ich das, denn ich unterrichte in der Oberstufe ja kaum noch was Fachliches, sondern nur noch, wie man Hürden in Textaufgaben erkennt und diese umgeht. Das ist wie im Mittelalter die katholische Kirche: Sie hat mit Hölle und Fegefeuer Probleme geschaffen und gleichzeitig mit Beichte und Ablass die Lösung dieser Probleme angeboten. Und die Didaktiker und Psychologen aus der Bildungsforschung machen das Mathematikabitur unlösbar, indem sie sprachliche Hürden einbauen, und wollen uns dann Fortbildungen verkaufen, wie man diese erkennt und umgeht. 

Ich sag das jetzt mal so sensibel wie ich kann: Unterrichtet euern Scheißdreck doch gleich selbst! 


Dienstag, 13. Februar 2024

Experten

 Nach dem jüngsten PISA-Debakel haben sich wieder all diejenigen zu Wort gemeldet, die fürchterlich viel von Schule verstehen, aber der Meinung sind, die Welt habe ihre Weisheiten noch nicht zur Kenntnis genommen. Allen voran und einsame intellektuelle Speerspitze der Experten ist zweifellos PISA-Papst Andreas Schleicher, der zusammen mit der Didaktik die Bildung in Deutschland gegen die Wand gefahren hat und jetzt den überbezahlten Lehrern die Schuld geben möchte. 

Eine andere sehr helle Kerze auf jeder Geburtstagstorte ist Fernsehphilosoph David Richard Precht, der schon vor vier Jahren erklärt hat, dass Algebra verschwendete Zeit ist, weil es niemand braucht. Die Schule braucht ab Klasse 6 keine Fächer mehr, sondern Projektunterricht. 

In dasselbe Horn tutet seit einem Jahrzehnt Deutschlands vormals jüngster Professor der Mathematik, Christian Hesse aus Stuttgart. "Schafft die traditionellen Schulfächer ab!", meinte er 2017 in der SZ. Und: 

Zweitens haben die erwähnten Wissenslücken ihre Ursache nicht in der Kompetenzorientierung. Durch sie haben sich die  mathematischen Pisa-Leistungen deutscher Schüler deutlich verbessert.

Da hat ihn jetzt die Vergangenheit eingeholt, denn von einer deutlichen Verbesserung von irgendwas redet heute niemand mehr. Aber er weiß, was zu tun ist:

Der Unterricht müsste stark entrümpelt werden, etwa ein Viertel der Geometrie gestrichen werden, forderte Hesse.  
Ein Viertel der Geometrie wird schwierig: Außer Pythagoras und dem Strahlensatz ist davon nach der Anwendungsorientierung nichts mehr übrig, und wie soll man von zwei Themen ein Viertel weglassen, wenn die Schüler keine Bruchrechnung mehr können?

Hesse schlägt vor, die "Schubladisierung" in gut ein Dutzend Schulfächer aufzubrechen und stattdessen rund 100 Module wie Finanzwissen und Klimawandelkunde anzubieten, von denen manche frei wählbar sind. 

Klimawandelkunde. Mondlandekunde wäre auch nicht schlecht, damit wir die Inder einholen können. Oder Dummschwätzerkunde, damit man, wenn man von nichts eine Ahnung hat, von der SZ zum Experten geadelt wird.

Daraus, dass er mal Deutschlands jüngster Mathematikprofessor war, bildet er sich nichts ein; im Gespräch mit dem BR hat er folgendes verlauten lassen:

Es bedeutet mir hingegen etwas, gute Arbeit zu leisten – mein eigenes Alter ist mir dabei egal. Natürlich stellte diese Berufung eine gewisse Wertschätzung meiner Arbeit in den USA dar und sie ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass ich bei sehr guten Wissenschaftlern promovieren konnte.

In der Tat bestand seine hauptsächliche Arbeit darin, bei sehr guten Leuten promoviert zu haben. Danach kam nicht mehr viel; im Zentralblatt habe ich nur ganz wenige referierte Arbeiten von ihm gefunden. Und so, wie früher pensionierte Ingenieure sich an den Beweis der Fermatschen Vermutung machten, hat Prof. Hesse nach seiner Berufung die Stochastik Stochastik sein lassen und sich auf die Bildungspolitik gestürzt. 

Während seines Forschungsaufenthalts 2013 in Kalifornien hat er nicht etwa geforscht, sondern ein Buch geschrieben, nämlich "Was Einstein seinem Papagei erzählte: Die besten Witze aus der Wissenschaft". Erstaunlich, was der deutsche Steuerzahler Professoren so alles finanziert. Mathematisch war der Forschungsaufenthalt weniger ergiebig: seine letzte mathematische Arbeit hat Prof. Hesse 2007 veröffentlicht.

Jedenfalls weiß er, wie man Schüler für die Mathematik begeistert: mit Anwendungsorientierung und Data science. Das Paradebeispiel für anwendungsorientierten Mathematikunterricht sind vektorrechnende Ameisen: Die hat er hier und hier und hier und vermutlich an vielen anderen Orten ebenfalls besungen. Selbstverständlich, das hat sogar seine Gesprächspartnerin Petra Herrmann vom BR verstanden, können Ameisen gar keine Vektorrechnung. Es geht also nur mal wieder um die aktive Verdummung  der Schüler, denn wie man sie für Vektorrechnung begeistern kann, indem man ihnen von Ameisen erzählt, bleibt Hesses Geheimnis. Schön zu lesen dagegen der Originalartikel  über die Wüstenameisen, dem Hesse seine Weisheiten entnommen hat.


P.S. Auf n4t habe ich gelesen, welches Viertel der Geometrie der Herr Professor streichen will:

Aus Hesses Sicht müsste der Unterricht stark entrümpelt, etwa ein Viertel der Geometrie gestrichen werden. Als Beispiele nannte er windschiefe Geraden oder Tori – das sind Objekte, die aussehen wie ein Rettungsring. Solche komplexen geometrischen Formen sollten ähnlich wie abstrakte Vektorbeweise entfallen.

Tori und abstrakte Vektorbeweise sollen also nicht mehr unterrichtet werden. Seit über 10 Jahren blafaselt Hesse etwas über Schulmathematik und was sich ändern soll, und er hat in diesen 10 Jahren nicht ein einziges Mal in den Lehrplan oder in ein Schulbuch geguckt? Das erklärt zumindest, warum er mathematisch eine Niete ist. Solche Leute sind selbst für eine Provinzuniversität wie Stuttgart eine Schande. 


Montag, 29. Januar 2024

Rechtsschreibung

 Am Samstag waren hierzulande überall Demos gegen rechts, heute sind die Zeitungen voll davon. Im Titel der Ipf und Jagst darf ich dann lesen, dass das 

Bündnis gegen den Rassisumus

zur Kundgebung aufgerufen habe. Da wollen wir hoffen, dass beim Bündnis niemand das kleine Latinum hat. Dabei, so die Ipf und Jagst, waren Landtagsabgeordnete und Bürgermeister

in Personalaunion

anwesend. Orthographie wird überschätzt, denn in spätestens 10 Jahren hat Kretschmann einen Knopf im Ohr erfunden, der die Rechtschreibung simultan prüft. Und eine KI im Ohr verrät einem dann, dass das selbst korrekt geschrieben Unsinn ist, weil Personalunion nicht bedeutet, dass viele Leute mit verschiedenen Ämtern rumlaufen, sondern dass da einige Personen gleichzeitig verschiedene Ämter haben. 

Wir müssen uns wieder mehr besinnen müssen,

soll da jemand gesagt haben, aber ob ich der Zeitung das glauben soll, weiß ich noch nicht. Und weil ein Artikel über die Kundgebung nicht reicht, darf Nachwuchsjournalist Timo Lämmerhirt gleich einen zweiten verfassen, weil gleichzeitig 

Gedenktag für die Opfer des Ntionalsozialismus

gewesen ist, wie der Untertitel dem Leser verrät. Man sprt, wo man kann. Das Beste ist der Titel:

Währet den Anfängen

wird da verkündet. Kein einmaliger Ausrutscher:

Währet den Anfängen, denn "Nie wieder ist jetzt"

steht auch im Artikel. "Nie wider Faschismus" wäre noch besser gekommen. Aber man kann nicht alles haben.


 

Sonntag, 21. Januar 2024

GDL

 Dass die Bahn es schafft, immer noch schlechter zu werden, obwohl man das kaum für möglich hält, hatte ich unlängst schon erwähnt. Am Silvester jedenfalls fielen hier fast alle Züge aus - ich vermute, die Lokführer wollten lieber zu Hause böllern als zu arbeiten. Während des Streiks lief auch nicht viel, obwohl die GoAhead damit eigentlich nichts zu tun hat - aber weil sie die Schienen der DB benutzen und die Weichen in Stellwerken von DB-Mitarbeitern gestellt werden, führt der Streik bei der DB automatisch zu Ausfällen bei ganz anderen Unternehmen. So bei einer Zugfahrt von Ulm nach Jagstzell: in Aalen steht der Zug eine halbe Stunde, und es war nicht klar, ob er überhaupt fährt. Dann fährt er los bis Goldshöfe und hält dort an; Durchsage: man wisse nicht, wann oder ob es weitergeht. Nach einer halben Stunde die Durchsage, man möge sich Taxis rufen, es geht nicht weiter. Alle raus zum Telefonieren; nachdem die Leute Bekannte angerufen hatten, die sie abholen sollten, kam die Durchsage, dass es jetzt doch weitergeht. Also alle wieder rein bis auf diejenigen, deren Chauffeure schon unterwegs waren.

Letzte Woche 20 min Verspätung eines MEX13, der zwischen Crailsheim und Aalen verkehrt. Der Zug steht 200 m weiter hinten auf den Gleisen, fährt aber nicht los. Eine Frau erzählt, dass sie vor Weihnachten in Ulm hängen geblieben sei; keine Verbindung mehr, die Bahn brachte warme Decken und Tee, damit die gestrandeten Fahrgäste im Zug übernachten konnten. Immerhin. Dann sieht sie einen weißen Mercedes herfahren und sagt: "Da kommt der Lokführer!". Sie fährt dort regelmäßig und weiß nicht nur, dass der entsprechende Mann regelmäßig zu spät kommt, sondern kennt sogar sein Auto. In der Tat ging der Mann von seinem Auto über die Gleise zu seinem Zug und fuhr mit 20 min Verspätung los. Fachkräftemangel.

Montag, 15. Januar 2024

Mathematikabitur Türkei 2016

Wer in der Türkei einen Platz an einer der großen Universitäten haben will, muss u.A. bei diversen multiple-choice-Tests in Mathematik und anderen Fächern in der Spitzengruppe liegen. In Mathe sind 50 Fragen in 75 Minuten zu beantworten - man hat dort keine Probleme mit zu vielen Einser-Abis. Die Aufgaben sind durch die Bank gut und anspruchsvoll, und zeigen eindrücklich, dass es auch gute multiple-choice-Tests gibt (dass es fürchterlich schlechte gibt, kann man in Österreich sehen). Wer mag: hier steht das pdf-File mit den Aufgaben.

Ein N-Wort mit Gazelle zagt im Regen nie

Was es nicht alles gibt. Da fragt jemand auf reddit nach Literatur zur Geschichte der algebraischen Zahlentheorie, jemand nennt meinen Namen, und dann kommt ein gewisser hobo-stew und meint:

I‘d stay away from that guy. Here is one of his blog posts: http://schule-mathematik.blogspot.com/2023/04/neger.html?m=1

The title is n-word and the text is (translated): "It just needed to be said"

Maybe his historical stuff is good, but it‘s best to not give people like that attention.

Das ist ja nun ein großartiges Argument. Ich habe das Wort "Neger" auf einer Webseite gepostet und bin deswegen Rassist. Ich nehme an, das Gleiche gilt dann für die Duden-Redaktion, die Redaktion der Zeit oder der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, auf deren Webseiten das Wort Neger ebenfalls auftaucht. Wobei die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus wohl nichts besseres zu tun hat als zu recherchieren, welche Wörter man denn aus irgendwelchen Gründen als nächste verbieten kann; dazu gehören Ungeziefer, Winkeladvokat, Türken, Terrorist, Terrorismus und Schreibtischtäter. Letzteres kann ich nachvollziehen. Seltsam, dass die schlimmen Wörter alle hinten im Alphabet stehen. Das Götz-Zitat darf also noch ein wenig bleiben.

Glauben diese Leute wirklich, dass man Rassismus bekämpft, indem man den Wortschatz verbietet, den man braucht, um darüber zu reden? Dass man aus dem Negerkönig in Pippi Langstrumpf einen Südseekönig macht: Geschenkt. Ich kann es nicht aber nachvollziehen, wenn man nachträglich die Reden Martin Luther Kings umschreibt: das ist Geschichtsfälschung. Und man kann den Nigger auch nicht aus Mark Twain streichen, weil die Beleidigung damals so geheißen hat und eben kein Redneck zu einem Schwarzen "Scheiß N-Wort" gesagt hat. Vor allem weil es eben zwei N-Worte gibt und Neger und Nigger nun einmal alles andere als deckungsgleich sind.

Und wenn man Neger streicht, wo ist dann die Grenze? Schwule, Sklaven, Juden - mit welchen Wörtern hat man nie versucht, andere herabzusetzen? Was ist mit Niger, Nigeria oder Mauretanien? "Schwarze" ist auch schon nicht mehr salonfähig, und der Duden schlägt allen Ernstes vor, stattdessen Person of Color zu sagen. So kann man die eigene Sprache natürlich auch abschaffen.

Und dann kommt hobo-stew (Landstreicher-Eintopf) mit dem daher:

 The word "neger" is generally understood to be racist and derogatory by the vast majority of Germans.

Dazu wäre zum Einen zu sagen, dass ich niemanden einen Neger genannt habe. Zum Andern hätte ich bei vast majority noch ein wenig Zweifel, aber mit Butter bei die Fische hat es hobo-stew nicht so. Dass die 40 % Thüringer und Sachsen, die demnächst die AfD wählen wollen, hier nicht mitgerechnet sind, ist mir egal. Vast majority geht trotzdem anders. Tatsächlich schreibt die Zeit 2015, dass 50 % für und 48 % gegen die Streichung des Negerkönigs seien, jedenfalls wenn man der Bild glaubt. Das sind auch keine vast majorities. Und selbst wenn es 90 % wären, die so dächten wie der Landstreichereintopf: Wieso soll man sich von Leuten, die anderer Meinung sind, fernhalten? Und ist "people like that" nicht auch herabsetzend gemeint? 

Soviel Dummheit in einem einzigen Hirn ist eine Leistung. Chapeau!

Zum Abschluss ein Fredl Fesl für meine fünf Leser mit Humor:

 

Und der König des politisch inkorrekten Kabaretts, Rolf Miller:

 

Mathe könnte Spaß machen - Betonung auf: könnte

So heißt der Titel eines Artikels in der lokalen Presse, den man, mit anderem Titel, aber demselben Text, hier findet. Der dpa-Text beginnt mit einem Loblied auf Daniel Jung, seines Zeichens youtuber, seit er sein Studium von Sport und Mathematik geschmissen hat. Und wie alle Leute, die von Mathematik und Unterricht keine Ahnung haben, hat er gute Ratschläge für diejenigen, die sich seit vielen Jahrzehnten die guten Ratschläge von Leuten anhören müssen, die von Mathematik und Unterricht keine Ahnung haben. Jungs Idee: 

Der Unterricht muss dringend weg vom rezeptartigen Vortrag von Formeln, ohne dass die Jugendlichen wissen, wofür sie die brauchen.

Man weiß nicht, ob man da lachen oder weinen soll. Daniel Jung, der seine Brötchen damit verdient, in Hunderten von Videos Formeln rezeptartig vorzutragen, ohne dass die Jugendlichen wissen, wofür sie die brauchen: Dieser Daniel Jung schlägt vor, dass wir davon weg müssen.

Ich glaube auch nicht, dass wir von Rezepten weg müssen. Beim Erlernen der Mathematik kommt man um Rezepte nicht herum. Wie etwa soll man einem Schüler beibringen, dass \[\sqrt{2} + \frac1{\sqrt{2}} = \sqrt{2} + \frac{\sqrt{2}}{2} = \frac32 \cdot \sqrt{2}\] ist ? Das entsprechende Gesetz kann man für Brüche, deren Zähler und Nenner kleine natürliche Zahlen sind, mit kleinen Rechtecken wunderbar realisieren: Man zeigt, dass \(\frac12 = \frac36\) und  \(\frac13 = \frac26\) sind und addiert die Sechstel. Dann muss man dieses Rezept (Nenner gleichnamig machen und die Zähler addieren) so lange üben, bis man es verinnerlicht hat, und dann kann man es ohne große Probleme auf Brüche mit Quadratwurzeln übertragen. Ob man von Rezepten wegkommt und das Verständnis vermehrt, wenn man solche Dinge beweist, indem man etwa die Intervallschachtelung wieder einführt, die die Didaktik mangels Anwendungsbezug aus dem Lehrplan geworfen hat, weiß ich nicht. Dass wir heute in der Oberstufe fast nur noch Rezepte unterrichten verdanken wir aber schon der modernen Didaktik, die ja nicht nur die Intervallschachtelung, sondern Ungleichungen und Definitionen und Beweise sorgfältig und Schritt für Schritt eliminiert hat. Tatsächlich wäre ich schon froh, wenn die Lehrer in ihrer Ausbildung die Konstruktion der reellen Zahlen (Landau!) so ausführlich durchkauen würden, dass sie zumindest im Nachhinein die vielen Lücken erkennen, die man im heutigen Schulunterricht lassen muss. 

Der zweite Fachmann mit guten Ratschlägen für Mathematikunterricht hat ebenfalls keine Ahnung von Unterricht und Mathematik, sondern ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Florian Fabricius geht die Trennung in Einzelfächern auf den Keks; er glaubt, Kurvendiskussionen sollten 

anhand konkreter wirtschaftlicher Entwicklungen erklärt werden. Wenn man merke, dass alles zusammenhängt und sich ein Gesamtbild ergibt, mache Lernen Spaß.

Das kann man gerne glauben. Meine Schülerinnen haben große Schwierigkeiten zu sehen, wie sich ein Gesamtbild ergibt, weil sie den ganzen Stoff, den man 8 Wochen eingeübt hat, nach 10 Wochen wieder vergessen haben. Und ich wüsste nicht, warum ich an der Schule mit einem Studium von Betriebswirtschaft anfangen sollte; das ginge deutlich mehr Schülern auf den Keks als binomische Formeln. 

Aber Fabricius weiß noch mehr:

45 Minuten Frontalunterricht sind veraltet.

Direkt aus dem Glaubensbekenntnis der modernen Didaktik. Sozusagen ein Axiom, das so lange gilt, bis die Didaktik ein neues erfindet. Nach Fabricius jedenfalls sollen sich Schülerinnen und Schüler

selbst engagieren und projektbezogen mathematische Probleme lösen.

Mit welchen Techniken sie diese Probleme lösen sollen und wer ihnen wann diese beigebracht hat, erklärt und der Herr Generalsekretär nicht.

Auch der Vorsitzende der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, Prof. Reinhard Oldenburg, schlägt in diese Kerbe: 

Wichtig sei, sich von abstrakten, weltfremden Fragen zu entfernen und Aufgaben am realen Leben zu orientieren. 

Meine Güte - wir machen seit 15 Jahren nichts anderes als abstrakte Themen aus dem Lehrplan zu entfernen und "realitätsnahe" Aufgaben durchzunudeln. Das mathematische Niveau ist in diesen Jahren ins Bodenlose gesunken, und die Lösung dieses Problems besteht darin, noch mehr davon zu machen? Das muss man sich erst mal trauen. Sehr gefallen hat mir dagegen der Satz

Therme mit x und y könne man anhand von Bildverarbeitungsprogrammen erläutern.

Das lass ich mal so stehen. 

Weil ich oben auf  das Glaubensbekenntnis der heutigen Bildungsreligion angespielt habe, sei es hier in voller Länge zitiert, und zwar aus Konrad Paul Liessmanns Buch "Bildung als Provokation":

Ich glaube daran, dass jedes Kind gleich, aber einzigartig ist, voll von Begabungen und Talenten, die entdeckt und gefördert werden können; ich glaube daran, dass jedes Kind kreativ und innovativ ist und nur durch ein schlechtes Schulsystem daran gehindert wird, selbst alles zu entdecken, was es zu entdecken gibt; ich glaube, dass jedes Kind am besten selbst weiß, was und wie es lernen will; ich glaube an die Segnungen der Digitalisierung, die es jedem erlaubt, jederzeit alles zu lernen und alles zu wissen. Ich glaube deshalb, dass die Belastung des jugendlichen Gedächtnisses mit Wissen unnötig, ästhetische Kanons ein Übel, Inhalte verwerflich und Frontalunterricht des Teufels ist; ich glaube an den Lehrer als Coach, als Begleiter, als Berater, der sozial kompetent im Hintergrund autonomer Lernprozesse lauert und dem nur eines verboten ist: zu lehren. Ich glaube an Teams, an Projekte, an Kommunikation. Ich glaube an die heilige Dreifaltigkeit von Kompetenzorientierung, Individualisierung und Standardisierung. Ich glaube an die inklusive Schule und an die inklusive Gesellschaft; ich glaube an die Matura, das Abitur für alle.

Arg viel mehr wissen die Fachmänner für mathematische Bildung anscheinend auch nicht. Eine Fachfrau muss auch dabei sein: Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie meint, dass das Rechnen beim Malerbetrieb nicht mehr so wichtig sei, weil es viele digitale Hilfen gibt. 

Fabricius sieht die Erklärvideos von Daniel Jung als Unterstützung. Er 

fände es gut, wenn Lehrer solche Videos und den Umgang damit erläutern.

Das kann ich gerne machen und ist in 5 Sekunden passiert. Was Jung in seinen Videos macht, braucht niemand. Was wir bräuchten, aber nicht einmal im Ansatz haben, sind Schüler, die Liessmanns Buch lesen können und verstehen, wie man ihre ganze Generation mit unserem neuen Bildungskanon verraten und verkauft hat.