Mittwoch, 29. Mai 2024

Abitur 2024

 Was war denn das?

Das leichteste Mathe-Abi aller Zeiten? Auf youtube ist man sich da einig, und ich verstehe immer noch nicht, was da passiert ist. Natürlich wollten die Bayern möglichst wenig Durchfaller, weil dieses Jahr der letzte G8-Jahrgang dran war und es nächstes Jahr nur ein Notabitur für die Durchgefallenen gibt. Allerdings liegen BW und NRW und Thüringen nicht in Bayern; aber mit dem Senken des Niveaus hat die KMK in den letzten 30 Jahren niemals Probleme gehabt. 

Dass das Niveau aber derart in den Boden gerammt wurde wie dieses Jahr ist schon ein wenig frech. Im oberen Notenspektrum dürften die Noten in BW etwa 3 Punkte über dem liegen, was man hätte erwarten können, und 5 Punkte über dem, den die Schüler erhalten hätten, wäre das Abi so schwer gewesen wie im letzten Jahr.

Manche Tendenzen haben sich jetzt verfestigt: In Analysis gab es außer \(\sin(\frac12 x)\)  oder \(e^{2x-1}\) nichts abzuleiten, keine Produktregel, nur lineare Verkettungen, und zu integrieren gab es eine quadratische Funktion. Immerhin. Stammfunktion von \[ \frac1x \) oder die Ableitung von \[ \ln(x)\) suchte man ebenfalls vergeblich; eigentlich ging es an keiner Stelle über den Lehrplan des Basisfachs hinaus. Der Wahlteil Analysis war geschenkt, der Wahlteil Geometrie drehte sich wie 2022 um eine Geradenschar, und Stochastik war eine Sammlung von Standard-Basisfach-Aufgaben.

War vor drei Jahren noch jeder  Quader der Lebenswelt der Schülerinnen zuliebe ein Kunstwerk, haben wir jetzt Geraden- und Ebenenscharen. Und jedesmal geht es darum zu zeigen, dass die Geradenschar in einer Ebene liegt, dass eine Gerade nicht zur Schar gehört, oder zu keiner Schargeraden parallel ist usw. usf. 

Ganz ohne blöde Formulierungen kommt man immer noch nicht aus.  Anstatt das Allerweltswort "zeige" zu benutzen, sollen die Schüler "begründen", dass irgendein  Punkt auf dem Schaubild einer Funktion liegt, was dazu geführt hat, dass 80 % angefangen haben, irgendetwas von Strecken und Stauchen zu erzählen anstatt das einfach nachzurechnen. Da hat man diese blödsinnigen Operatoren eingeführt, um sich genau ausdrücken zu können, und dann benutzt man sie, um die Schüler auf die falsche Spur zu setzen. 

Zurück zum nicht mehr vorhandenen Niveau. Eine große Neuerung sind die den Lösungen beigefügten Kompetenzraster. Für jede winzige Frage (Bestimmen Sie die Ableitung an der Stelle \(x = 0\) ) wird jetzt angekreuzt, welche der sechs Kompetenzen auf welchem Anforderungsbereich (I, II oder III)  abgefragt werden, Das muss man sich so vorstellen:


Der Anforderungsbereich der Aufgabe ist also das Maximum der Anforderungsbereiche der Teilkompetenzen. Da soll noch einer sagen, Didaktik wäre keine exakte Wissenschaft. Wozu das gut sein soll erschließt sich dem Laien dagegen nicht. Es hilft dem Lehrer nicht bei der Auswahl der Aufgaben und nicht bei der Korrektur, und die Schüler bekommen das nicht zu sehen. Erklärungsmöglichkeiten sehe ich zwei:

  • Im Regierungspräsidium sitzen zu viele Leute, die man mit sinnlosen Aufgaben beschäftigen muss. 
  • Diese Kompetenzraster werden eingeführt, damit man uns Lehrern beweisen kann, dass die Aufgaben jedes Jahr denselben Schwierigkeitsgrad haben.
Die Zweitkorrektur macht ebenfalls jedes Jahr weniger Spaß. Was mich inzwischen erschreckt ist nicht so sehr die Tatsache, dass die Schüler die einfachsten Dinge nicht können, sondern dass ein Großteil der Abiturienten nicht in der Lage ist, einen Gedanken angemessen in Worte zu fassen. Es gibt welche, die schreiben jedes vierte Wort falsch, es fehlen Artikel, es gibt elementare Grammatikfehler, und wenn der Satz dann doch mal grammatikalisch korrekt ist, muss man raten, was sie eigentlich sagen wollten. 

Allen, die jetzt 40 sind: Vergesst eure Rente.