Sonntag, 5. April 2020

Betamännchen und Corona

Zu den unzähligen Experten, deren Stimme in diesen Zeiten nicht genügend gewürdigt wird, zählt auch der Didaktiker Wolfgang Meyerhöfer, der uns in der FAZ den Schwindel der Statistik erklärt.

     Der Umgang mit Corona ist zunächst einmal nur ein mehr oder
     weniger sinnhafter Umgang mit Zahlen.

Das Problem, das ich mit den allermeisten Didaktikern habe, ist, dass ich sie entweder nicht verstehe, oder dass ich sie verstehe und sie einen rechten Unsinn schreiben. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob ich diesen Satz nicht verstanden habe oder ob es Unsinn ist. Vielleicht ist es auch beides.

     Ob er an Corona gestorben ist, geht daraus nicht hervor.
     Der Unterschied ist mathematische Haarspalterei.

Auch hier ist mir unklar, ob ich Herrn Meyerhöfer nicht verstehe oder einfach nur Unsinn dasteht.

     Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens basieren [ . . . ] auf der Anzahl der positiv Getesteten.

Diesen Satz verstehe ich, und es handelt sich um Unsinn. Die Einschränkungen basieren auf Schätzungen derjenigen positiv Getesteten, die intensiver ärztlicher Hilfe bedürfen.

      Die Mathematiklehrer der Republik freuen sich, denn hier sieht
      man eine exponentielle Funktion.

Auch diesen Satz glaube ich zu verstehen:  Deutsche Mathematiklehrer scheinen sich zu freuen, wenn sie eine exponentielle Funktion zu sehen glauben. Dass die meisten Mathematikdidaktiker weder von Mathematik noch von deren Unterricht viel verstehen, habe ich schon oft erklärt. Offenbar haben sie auch von der Spezies Mathematiklehrer keine Ahnung.  Und was die exponentielle Funktion angeht, über die sich Leute wie ich freuen, wenn sie uns über den Weg läuft, seien hier die drei exponentiellen Funktionen in Italien, China und den USA dargestellt:


Wer sich über diese exponentiellen Funktionen nicht freut, ist kein Mathematiklehrer im Meyerhöferschen Sinne. Aber wer freut sich nicht über die "schönen Muster", in denen diese Zahlen der Angesteckten explodieren? Die Bürgermeister von Bergamo und New York? Nun ja, sie sind halt auch keine Mathematiklehrer.

      Dies ist aber leider nur "mathematische Bildung erster Ordnung".

So viel traut ein Didaktiker uns Mathematiklehrern dann doch noch zu. Für alles, was darüber hinausgeht, brauchen wir die Hilfe der Didaktik. Die Kernfrage nämlich ist die:

       Welches Problem beschreibt die Kurve?

Erst einmal gar keines, weil die Kurve nur den Anstieg der Infiziertenzahlen anschaulich macht. Ich verstehe das Problem also nicht - vermutlich, weil ich nur ein Mathematiklehrer bin. Aber der Herr Meyerhöfer wird mir die Sache schon noch erklären:

      Zu fragen ist, ob es eigentlich schlimm ist, wenn viele Menschen
      mit Corona infiziert sind.

Das hängt, wie Herr Meyerhöfer erkannt hat, davon ab:

       Wenn viele Tote auch noch das Corona-Virus in sich tragen,
        so ist dies noch kein Problem.

Als Toter braucht man also keine Angst vor Corona zu haben. Erstaunlich, welche Erkenntnisse die FAZ heutzutage so abdruckt.

      Noch wird öffentlich nicht die alles entscheidende Frage gestellt, 
      wie hoch die Rate der Infizierten ist, die ernsthafte ärztliche 
      Hilfe benötigen.

Das ist einigermaßen erstaunlich, weil diese Frage seit Wochen diskutiert wird. Deswegen gibt es doch das Kontaktverbot.

        Das Problem der Datenerhebung kann in einem Mittelstufen-Klassenzimmer 
        bildend diskutiert werden.

Für alle, die sich wundern, warum jetzt plötzlich ein Mittelstufen-Klassenzimmer auftaucht: das ist Didaktikersprech für "Das versteht eigentlich jeder Depp. Erstaunlich, dass ich Ihnen das erklären muss".

    Es gibt auf keinem wissenschaftlichen Gebiet einen Konsens der Fachleute.

Die Fachleute in der Biologie streiten sich bekanntlich ja auch immer noch, ob Darwinismus oder intelligent design richtig ist. Auf dem Gebiet der Didaktik sind sich die Fachleute allerdings sehr wohl einig: man braucht mehr Lehrerfortbildung und mehr Geld zur Erhebung von noch mehr Daten, und man braucht viel Digidal und kein Einmaleins. Dieser Konsens, so folgere ich dann mal, beweist, dass Mathematikdidaktik kein wissenschaftliches Gebiet ist. Damit kann ich leben.

 Die Politik der Bundesregierung ist, so Meyerhöfer,  übertrieben:  sein Gedanke, der sich nicht aus den Zahlen legitimiert, sondern nur mit ihnen spielt (wieder so ein Satz, wo ich nicht weiß, ob ich ihn nicht verstehe), ist die Kontaktsperren nur für die Älteren ab 70 einzuführen. Schweden hat das vorgemacht. In Stockholm hat das nicht ganz funktioniert. Das wird auch hier nicht funktionieren, weil Leute über 70 lieber das Risiko eingehen, an Corona zu sterben als sich zwei Jahre lang von ihrer Familie fernzuhalten.

Danach wird Corona als eine Art Grippe bezeichnet; da ist Herr Meyerhöfer im selben Klub wie die Rechtsausleger Lukaschenka (Sehen Sie hier einen Virus fliegen?) und Bolsonaro  (ein Grippchen, gegen den die Brasilianer immun sind), während selbst Trump sich von derartigen Vorstellungen durch seine Experten hat wegprügeln lassen.

Und dann noch einmal Mathematiklehrerbashing - der Mann ist schließlich Didaktiker und kann nicht aus seiner Haut:

     Der Mathematikunterricht nimmt hier seine staatsbürgerschaftliche 
      Verantwortung nicht wahr. dort wird nicht darüber informiert,
       dass auch in normalen Zeiten Tote administrativ immerfort 
       monetarisiert werden.

Dabei wäre das doch die Pflicht jedes Mathematikunterrichts, der seiner staatsbürgerschaftlichen Verantwortung nachkommt.

        Bei jedem Straßenbauprojekt werden Verkehre in Tote und Verletzte umgerechnet.

Tatsächlich? Wieviel Tote und Verletzte entsprechen 5 Verkehre? Ich kann das schon unterrichten, wenn mir die Didaktik den entsprechenden Umrechnungsfaktor liefert. Googeln hilft auch nicht recht: Frech, wie das Internet so ist, behauptet es, Verkehre sei der Dativ Singular des Wortes Verkehr.

Lassen wir es gut sein. Allerorten wird darüber nachgedacht, wie man die Zeit nach Corona besser organisieren kann und welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind. Ein Vorschlag meinerseits: wir denken mal, wie Herr Meyerhöfer das vorschlägt, in Kosten-Nutzen-Kategorien und wägen den zu erwartenden Nutzen der Mathematikdidaktik im Hinblick auf ihre Kosten ab.






Kommentare:

  1. Hallo,
    interessant ist es aber schon, aus den Koordinaten VOR Einleitung der Schutzmaßnahmen eine Exponentialfunktion zu bestimmen und zu extrapolieren. Der Vergleich mit den tatsächlichen Infektionszahlen ist dann ja ein Indikator für die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen.
    Gesellschaftlich relevant wäre es schon, Exponentialfunktionen oder die Fibonaccifolge einmal nicht zu behandeln unter dem Aspekt "konvergiert gegen den Goldenen Schnitt" oder "hilfreich zur Ermittlung von Binominalkoeffizienten", sondern auch: "Wie entsteht Überbevölkerung in Afrika ?". Da käme dann aber unter Umständen heraus, daß der Herr Sarazzin, den man weder sympathisch und erst recht nicht unterhaltsam finden muß, in einigen Punkten erschreckend richtig liegt.

    Obwohl durch Ihre mitunter sehr unterhaltsamen und angriffslustigen Beiträge sensibilisiert (Sie alter misogyner Reaktionär), finde ich die Emanationen der möchtegern-linken Junglehrer weitaus schlimmer. "Gönnt Mehmet doch den Matheabschluß".
    Auch ich habe mir erlaubt, mich einmal kräftig auszukotzen:
    http://if-blog.de/hb/gew-wenn-dummheit-durch-die-decke-schiesst/

    AntwortenLöschen
  2. Ich hab das ja gemacht, wenn auch nicht mit Exponentialfunktion, weil die nur ganz kurzfristig gute Ergebnisse liefern kann: https://schule-mathematik.blogspot.com/2020/03/modellierung-und-corona.html

    AntwortenLöschen