Dienstag, 21. November 2017

Erst kommen die blauen Balkons

Ich weiß nicht, wie es kommt, dass man wichtige Sachen vergisst und seltsame Lieder (wie das vom Mümmelmannsberg), obwohl man sie nie wieder im Radio gehört hat, irgendwie nicht. Aber das letzte, was ich möchte, ist dass man diese Frage mit einer Studie untersucht.

Studien habe ich gefressen.

Das Problem mit diesen Studien ist nämlich, dass es Leute gibt, die Ergebnisse von Studien mit Fakten verwechseln. Das sind sie aber nicht. Ergebnisse von Studien sind Interpretationen von Daten.

Angefangen hat die Malaise mit der "neuen Mathematik" in den späten 1960er Jahren nach dem Sputnik-Schock. Keine Publikation über die Wunder des neuen Unterrichts, ohne dass dabei auf Ergebnisse von Jean Piaget verwiesen worden wäre, die belegen würden, dass kein Weg um die Reformen herumführen wird. Piaget hat durchaus Charakterzüge, die ich sympathisch finde:    



Das hat was, nicht wahr?



Seine Studien sind im Vergleich zum Zustand seines Büros aber Müll. Meine Lieblingsfrage aus seinen Untersuchungen ist eine, die er sieben- und achtjährigen Kindern stellte: man zeigte ihnen einen Strauß aus sechs Rosen und zwei Tulpen und fragte sie, ob es mehr Rosen als Blumen sind. Wer weiß, wie Kinder denken (sie identifizieren die sechs Rosen mit Rosen und folgern aus der Art und Weise, wie die Frage gestellt ist, dass mit Blumen offenbar die Tulpen gemeint sind), wird von den Antworten nicht überrascht sein. Piaget dagegen schon, und er schloss aus dieser Untersuchung, dass siebenjährige Kinder den Begriff der Teilmenge noch nicht verinnerlicht hätten.

Man mag sich darüber streiten, ob solche Studien einen Wert haben, aber irgendwie muss man Erziehungswissenschaftler wohl beschäftigen. Sie sind ja auch vollkommen harmlos, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Ergebnisse ihrer Studien keine Fakten sind, sondern Interpretationen von Daten.

Auch PISA hat ja eine Unmenge von Fragen, die von arg zweifelhaftem Charakter sind, ausgewertet - bekannt ist nur ein kleiner Teil davon, weil der Großteil der Fragen strengster Geheimhaltung unterliegt. Eine solche Frage habe ich heute in einem Artikel über das Image der Mathematik aus den Semesterberichten (2002) gelesen.

Dort liest sich die Aufgabe so:

      Es werden zwei [Pizzas] mit 30 bzw. 40 cm Durchmesser für 
      3 bzw. 4 Euro angeboten; was ist günstiger? 

Professor Behr löst die Aufgabe natürlich problemlos:

     Eine prägnante Antwort wäre: die Fläche wächst quadratisch mit dem 
     Durchmesser - oder mit dem Radius, worauf es nicht ankommt.

So ist es: es kommt weder auf den Durchmesser, noch auf den Radius an, denn eine Pizza für 3 Euro ist immer günstiger als eine für 4 Euro. Im Original hat die Aufgabe nicht gefragt, welche Pizza günstiger ist, sondern bei welcher man "mehr für sein Geld" bekomme. Selbstverständlich bekommt man für 4 Euro mehr Pizza für sein Geld, weil die Pizza mit 40 cm Durchmesser größer ist als die mit 30.

Natürlich weiß ich, was die Aufgabensteller fragen wollten: sie wollten fragen, welche Pizza den kleineren Preis pro Quadratzentimeter hat. Nur ist das nicht recht sinnvoll, denn Pizzas haben eine Dicke und einen Belag. Lohnt sich die große wirklich, wenn auf beiden drei gleich große Salamischeiben liegen? Fehlen hier nicht noch ein paar Angaben über die Belagdichte?

Mit den "Ergebnissen" dieser PISA-Studien jedenfalls wurde unser ehemals passabel funktionierendes Bildungssystem direkt gegen die Wand gefahren (zusammen mit Bertelsmann predigen diese Scharlatane seit 30 Jahren, dass
Deutschland seine Akademikerquote erhöhen muss, damit man künftig nach einem Wasserrohrbruch 2 Wochen auf den Klempner warten kann).

Auch am Max-Planck-Institut in Leipzig wertet man Studien aus. Die Neurowissenschaftlerin Ezgi Kayhan hat jetzt herausgefunden, dass Babies im Alter von 6 Monaten Wahrscheinlichkeiten abschätzen können. Auch das ist wohl eine Folge der Akademikerschwemme: Man macht abenteuerliche Studien, zieht abenteuerliche Schlüsse, und verkauft den Mist an die Presse, um mit der neuen Publicity das nächste große Drittmittelprojekt an Land zu ziehen.

Wollen Sie wissen, wie Frau Kayhan herausgefunden hat, dass Babies Wahrscheinlichkeiten abschätzen können? Ich sag's Ihnen trotzdem. Sie hat ihnen Filmchen gezeigt, in dem blaue und gelbe Bällchen in Urnen fallen und mittels Eye-Tracking gemessen, in welche Richtung sie gucken.

Mich erinnert das an eine kleine Notiz aus der Titanic der 1980er. Dort wurde ein Bild einer nackten Frau gezeigt und ein hypothetischer Leser gefragt, wo er denn in erster Linie hinschaue, worauf dieser meinte, er schaue eigentlich überall gleichmäßig hin. So ist das mit Erinnerungen. Manche wird man nicht wieder los.

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