Dienstag, 29. Oktober 2019

Bildung statt Satz des Pythagoras

    Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder 
   Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. 
   In 4 Sprachen.

So tönte Naina vor vier Jahren, und schon damals dachte ich mir, dass die meisten Schüler, die ich kenne, schon von einer Gedichtsanalyse in ihrer Muttersprache an die Grenzen ihrer sprachlichen Fähigkeiten geführt werden. Und dass der liebe Gott, wenn er jemanden bestrafen will, dessen Wünsche erfüllt.

Jetzt hat der Bundesschülerrat diese Forderung aufgegriffen, und möchten von der Schule wissen, wie es mit Mietvertrag, Versicherung und Steuererklärung aussieht. Man möchte fast vermuten, dass im Bundesschülerrat nur Vollwaisen sitzen, und empfindet als Lehrer ein Gefühl der Dankbarkeit denjenigen Eltern gegenüber, die ihrem Nachwuchs wenigstens beigebracht haben, wie man eine Toilette benutzt.

Richtig ärgerlich wird es, wenn sich deutsche Journalisten des Themas annehmen. Die Stuttgarter Zeitung untermalt den Bericht mit einem Bild, auf dem es um den Steigungswinkel von Geraden geht, und die Südwestpresse titelt gleich "Rentenvorsorge statt Satz des Pythagoras". Anscheinend hält sie heutige Schüler für so beschränkt wie Al Bundy seine Tochter "Dumpfbacke", die für jede Information, welche ihr Gehirn aufnimmt, eine andere vergisst. Und mir ist durchaus bewusst, dass Journalisten den Satz des Pythagoras vollkommen umsonst gelernt haben. Allerdings frage ich mich, was die Schreiberlinge, die vor jedem, als ein Komma setzen (so in etwa sieht das bei 95% der Artikel aus, die ich von euch lese),  anstatt Interpunktion gelernt haben. Ich komme nicht drauf.

Kommentare:

  1. Derzeit mache ich mir Gedanken über Fotovoltaikanlagen auf einem gewissen Hausdach. Dabei spielt offenbar die Dachneigung eine Rolle. Um diese zu bestimmen, habe ich von einem Balkon aus die Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks ausgemessen, dessen Hypotenuse ein Stück der Dachkante war. Danach stand ich exakt vor dem Problem, das in dem Artikel der Stuttgarter Zeitung als Musterbeispiel für ein theoretisches fungiert. Und das ganz praktisch und auch nicht in einer abgedrehten "Modellierung" von irgendetwas Unsinnigem.

    Jetzt bin ich allerdings unsicher geworden, ob ich das mit der Fotovoltaik nicht doch lieber lasse und stattdessen nachforsche, ob das Irrenhaus, zu dem dieses Land offenbar mutiert, vielleicht doch noch irgendwo einen Ausgang hat.

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    1. Wenn man aber auch alles selbst machen will . . . Dabei kann man heute in der Zeitung lesen, wie es richtig geht: Man holt sich für ein paar 100 Mio Euro externe Berater. Das funktioniert problemlos, wenn man die paar Kröten nicht selbst verdienen muss.

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  2. Dem Handwerker, dem Ingenieur, aber auch der Schneiderin oder dem Elektriker fällt es stets leicht, Mathematik praktisch zu nutzen.
    Bloß - was machen mit den ganzen gelangweilten "Geisteswissenschaftlern", die sich für ehrliche Arbeit zu fein, für den Puff zu fett und für den Haushalt zu ungeschickt sind ?
    Die MÜSSEN ja quasi in die Politik gehen (Annen, Kühnert) oder halt Schreiberlinge werden. Papier schwärzen um jeden Preis.

    Aber die Hauptschuldigen sind immer noch die Mathematiker, weil sie immer so tun, als müsse zwangsweise und zwanghaft jeder gefundene mathematische Zusammenhang irgendeinen Nutzen nach sich ziehen.
    Die Eulersche Relation ist etwas unwahrscheinlich schönes, weil sie auf verblüffende Art und Weise trigonometrische Additionstheoreme in Potenzrechnug überführt. Nutzen tut sie keinem.
    Die Aufgabe der Lehrer wäre es, die Schönheit unter der vormalen Schicht hervorzukratzen. Mir wurde in der gymnasialen Oberstufe beigebracht, "Komplexe Zahlen haben die Form 'b + i' und e(i x Pi) ergibt -1". Einen Scheiß habe ich kapiert und als ich später Elektromotoren berechnen sollte, habe ich mich der Vektorrechnung bedient, bis mir, im Alter von 50, klar wurde, "in Wirklichkeit rechnest Du mit komplexen Zahlen".

    WÄRE ES DENN SO SCHWIERIG GEWESEN, uns im Mathe (-Leistungskurs) zu erklären, "Zunächst denken wir uns einen zweiten Zahlenstrahl orthogonal zum bekannten. Der hat die Besonderheit, daß deren Quadratzahlen -1 ergeben. Es wäre aber auch denkbar, daß sich eine Zahl auf der Ebene außerhalb der beiden Zahlenstrahlen befindet. Damit erhalten wir einen Vektor. Bereits jede reelle Zahl R kann man ansehen als Vektor mit R cos(phi) und R sin(phi) für phi = 0 ".
    Hätte man dann noch hergeleitet, "Das Produkt zweier komplexer Zahlen entspricht einer 'Drehstreckung', man addiere die Winkel und multipliziere die Beträge", dann wäre es nur noch ein klizekleiner Schritt gewesen bis zur Eulerschen Relation.

    Die Anzahl der Mathematiklehrer, die ihre Schüler "auf eine Fahrte setzen" können, auf daß sie sich von ihnen emanzipieren mögen, ist allerdings sehr gering.

    Heute, im Alter von 60 Jahren, sehe ich in der Rückschau:
    - 2/3 meiner Arbeiten waren praktische Anwendungen des phytagoreischen Lehrsatzes
    - Die beiden Mathelehrer haben mir sowohl ein Maschinenbau- als auch ein Elektrotechnikstudium erspart.

    Etwas nützlicheres als Mathematik kann ich mir nicht vorstellen.

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  3. Diejenigen, die immer so tun, als müsse alles, was man in Mathematik unterrichtet, einen sofortigen anwendbaren Nutzen haben, sind beileibe nicht die Mathematiker - ganz im Gegenteil. Diesen Utilitarismus haben uns die Didaktiker aufgedrängt, mit verheerenden Konsequenzen.

    Auch die komplexen Zahlen verlangen ja einen langen Atem, bis man bei der ersten Anwendung ist. Wenn ich die unterrichte, ist mein Ziel immer das Lösen linearer Differentialgleichungen zweiter Ordnung, wie sie vor allem in der Physik bei Schwingungen auftaucht.

    Und der LK von heute ist nicht der von damals, weil den Schülern spätestens seit den Schavanschen G8-Reformen die Mittelstufenalgebra (Umgang mit Formeln, die mehr als einen Buchstaben und Klammern haben) fehlt.

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