Dienstag, 24. März 2020

Frau Mölling und Corona

Unter dem Titel "Die Stimme der Vernunft" hat Rubikon ein Interview mit der renommierten Virologin Karin Mölling abgedruckt. Es ist legitim, als "Experte" davor zu warnen, den Bogen zu überspannen. Was in meinen Augen nicht geht, ist das auf eine Art zu machen, wie Frau Mölling das tut. Das geht schon im zweiten Satz los:

        Aber das Virus ruft keine schlimme Erkrankung hervor .

Solchen Spezialistinnen würde ich gern eine Zugfahrt nach Italien bezahlen, damit sie ihre Interviews direkt vor Ort geben können. Expertinnen können natürlich mit den Mitteln der Wissenschaft beweisen, dass Corona gar nicht so schlimm ist:

       Es gibt einen Verwandten dieses Virus, Mers-Corona
       bei Kamelen. Da sterben 37 Prozent der infizierten Kamele.

Da werden die Italiener dankbar sein, dass sie keine Kamele sind. Was soll das für ein Argument sein?

      Ich empfinde, was im Moment läuft, ist das, was wir mehr 
      oder weniger jeden Winter erleben.

Die jährlichen Meldungen aus Italien, dass die Armee Särge abtransportiert, weil die örtlichen Krematorien überlastet sind, müssen mir entgangen sein.

     Aber die Krankheit ist aus meiner Sicht nicht so schlimm wie 
     die Influenza. Als ich die hatte, dachte ich, ich sterbe. Das 
     sagen mir alle, die die SARS-Corona 2-Infektion haben, dass 
     das da nicht der Fall sei, normalerweise.

Warum sind in der Astronomie so viele massereiche und vergleichsweise wenig Zwergsterne bekannt? Weil die großen Brummer leuchtstärker und damit leichter sichtbar sind. Warum sagen Frau Mölling alle, die Corona-Infektion sei glimpflich verlaufen? Weil sie nicht die BILD-Zeitung ist, die mit Toten spricht.

       Jede Woche stirbt in Berlin ein Mensch an multiresistenten      
       Keimen. Das sind im Jahr rund 35.000 in Deutschland. Das 
       wird überhaupt nicht erwähnt.

Da sind sie wieder, die Kamele. Dass es nicht erwähnt wird, ist, sagen wir mal, eine etwas gedehnte Wahrheit: auf der Seite der Tagesschau vom 18.11.2019 steht etwa

       In der EU sterben jedes Jahr mehr als 33.000 Menschen an
       Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen.

Ups. Zurück zur Expertin:

       Schon wieder 20 Tote, wie schrecklich! Wissen Sie, wann ich 
       anfange, Panik zu bekommen? Wenn es 20.000 sind.

Und wenn es dann 20.000 Tote sind, was machen wir dann? Dann haben wir, wenn wir die Sterblichkeitsrate in Deutschland bei 1 % ansetzen, 2 Millionen Infizierte. In einem solchen Fall ist es für jede Art von Eindämmung zu spät, und man wird warten müssen, bis zwei Drittel der Bevölkerung infiziert sind, was dann, wieder bei einer Sterblichkeitsrate von 1 %, auf 600.000 Tote hinausliefe. Das wird zwar, wie manche Exemplare der Generation Arschloch (damit meine ich solche, die, wie in Aalen am Samstag, Lokführer aus ihrem Abteil zerren und ins Gesicht spucken, weil die sie darauf hingewiesen haben, dass über die Gleise gehen nicht erlaubt ist) schon festgestellt haben, die Rentenkassen entlasten; allerdings wird die Sterblichkeitsrate bei Ingenieuren, Maschinenbauern, Medizinern usw. höher sein als bei den jüngeren Spezialist*Innen für genderkorrektes Schreiben, und ich hoffe, ich darf dabei zusehen, wie die Genderexpertinnen nach Corona die Wirtschaftskarre wieder aus dem Dreck ziehen.

Warum die Sterblichkeitsrate in Italien so groß ist? Meine Vermutung wäre, dass es viel mehr Infizierte gibt als bekannt. Aber ich bin ja keine Expertin:

        Vielleicht ist auch das Gesundheitssystem in dem Land nicht 
        ganz so gut aufgestellt wie unseres. Das weiß ich nicht. Die 
        Lombardei wird beim Vergleich der Luftverschmutzung, der 
        Pollution, und sonstigen Parametern als eine der stärksten 
        Industrieregionen aufgeführt.

Wie gut unser Gesundheitssystem aufgestellt ist, wird sich zeigen. Wir hatten ja auch zwei Wochen Vorlaufzeit und haben bereits von Italien gelernt. Aber dass die in Italien tot umfallen, weil sie eine so schlechte Luft haben, ist ohne jeden Beleg erst einmal eine unverschämte Behauptung. Die Luft dort ist ja heute auch nicht schlechter als vor zwei Jahren. Und die anderen Experten haben festgestellt, dass die Corona-Zahlen in Bergamo genau zwei Wochen nach einem Champions-League-Spiel zwischen Bergamo und Valencia explodiert sind, was nicht auf schlechte Luft, sondern auf soziale Kontakte hinweist. Dass Luftverschmutzung nicht gesund ist, bestreitet niemand - aber dass die Luft in Stuttgart besser sein soll als die in der Lombardei, das mag glauben wer will.

   Aber ich war in China und ich habe eine Arbeit dazu geschrieben.

Ist ja gut, Frau Mölling. Immerhin plädiert sie für an die frische Luft gehen (außer in der Lombardei, weil es dort keine Frischluft gibt). Dazu muss man aber kein Experte sein. Experten braucht man für die ganz großen Fragen:

        Die Viren gehören wie die Mikroorganismen und die  
        Bakterien zu unserem Leben. Sie sind länger auf der Welt als wir.

Um es mit Louis de Funes zu sagen: NEIN!

      Ich siedle sie in der Evolution ganz unten bzw. ganz früh an.

Echt? Da hilft auch Louis de Funes nicht mehr.

Was mich am meisten aufregt ist die Tatsache, dass die ganzen Leute, die jetzt gegen die Maßnahmen anschreiben, danach behaupten werden, sie hätten recht gehabt, wenn die Anzahl der Toten unter 20.000 bleibt. Ja, Italien hat derzeit knapp 6000 Tote durch Corona. Das ist, verglichen mit anderen Grippewellen, nicht viel. Aber Italien hat seit zwei Wochen eine Ausgangssperre, und auch Frau Mölling hat kein Sterbenswörtchen dazu gesagt, wie die Zahlen aussehen würden, wenn Italien keine Maßnahmen gegen Corona ergriffen hätte.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass alle westlichen Industrienationen (mit Ausnahme von Schweden und einigen kleineren Ländern) ihre Volkswirtschaften herunterfahren, weil sie Angst vor 10.000 Toten haben - die Industrie geht, wenn es sein muss, über Leichen.  Auch die der USA.

Schauen wir also mal, wie es weitergeht. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Sache ausgeht wie beim Y2K-Virus vor 20 Jahren. Selbst wenn Frau Mölling dann behaupten kann, sie hätte recht gehabt.



Kommentare:

  1. Obzwar ich nicht behaupten kann, einschlägiger Experte zu sein, habe ich inzwischen den Eindruck, daß da eine ziemlich klare Sachlage besteht. Es gibt 4 Arten von Maßnahmen, um die Anzahl der Infektionsvorgänge herunterzudrücken (also den einschlägig als R_0 bezeichneten Parameter, der in gängigen Modellen der Epidemieentwicklung eine entscheidende Rolle spielt):
    - Vermeidung von Nahkontakten
    - Schutzausrüstung wie Atemschutzmasken
    - umfangreiches Testen und Quarantäne für Infizierte während ihrer Infektiosität
    - persönliche Hygiene wie Händewaschen
    Die Beispiele China (VR und Taiwan), Singapur, Südkorea zeigen, daß man mit diesen Maßnahmen eine Covid19-Epidemie stoppen kann.
    Die angeblich gute Vorbereitung dieses Landes auf den Fall einer solchen Epidemie ist dann daran zu messen, inwieweit die genannten Maßnahmen ggf. durchführbar sind.
    Die Realität ist in meinen Augen in der Preislage "beschissen", wenn ich das mal so ausdrücken darf.

    Hinsichtlich Schutzausrüstung stoße ich gerade auf
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/risa.13181#
    Das scheint mir zu besagen, daß damit ein ganz erheblicher Beitrag zur Senkung von R_0 möglich ist.
    Wobei es nicht auf totalen Schutz ankommt; eine Ausrüstung, die meinetwegen die Hälfte der Infektionsvorgänge abwendet, wäre für Klinikpersonal, das ständig mit infizierten Personen
    konfrontiert ist, völlig unbrauchbar, fürs Abbremsen der Epidemie jedoch erheblich.
    Pauschales Gerede von Möchtegernexperten über die Unwirksamkeit solcher Ausrüstung sagt mehr über die Kompetenz des "Experten" als über die Realitäten aus.

    Und die Frau Professor sollte gelegentlich mal das kleine Einmaleins üben.
    "Jede Woche stirbt in Berlin ein Mensch an multiresistenten
    Keimen. Das sind im Jahr rund 35.000 in Deutschland."
    Berlin hat etwas mehr als 4% Anteil an der Bevölkerung Deutschlands. 4% von 35000 sind 1400.
    Einer in der Woche sind 53. Alles im Jahr. Entweder wurde in Berlin eine geniale Methode gefunden, um die Anzahl dieser Todesfälle zu minimieren, etwas, womit diese failed city endlich mal glänzen
    könnte (aber warum wird es dann nicht weitergegeben?) oder die Dame ist mit einfachsten Rechnungen überfordert.

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  2. Die 35000 sind, wie ich angedeutet habe, die Zahlen für die EU. Sie hat also Deutschland mit der EU verwechselt.

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