Dienstag, 12. Januar 2021

Lehrer Schmidt

Unterrichten auf Distanz ist keine leichte Sache - da kommt man schon mal auf den Gedanken, bei youtube nachzusehen, was es für Videos etwa zum physikalischen Begriff der Leistung gibt. Geben tut es, wie ich schnell gemerkt habe, Dutzende. Aber allesamt sind sie dröge, langweilig, und fürchterlich schlecht gemacht. 

Schlimmer als dröge, langweilig, und fürchterlich schlecht gemacht sind dann Videos, die einfach nur falsch sind. So eines ist dasjenige von Lehrerschmidt zum, ich zitiere, "Umrechnen von Joule und Watt". Gleich zu Beginn erklärt Herr Schmidt (seines Zeichens Lehrer und Schulleiter einer Oberschule in Niedersachsen), dass er zeigen wird, wie man Joule in Watt und Watt in Joule umrechnet. Das ist in etwa so mutig wie die Behauptung, man könne Sekunden in Meter und Meter in Sekunden umrechnen - immerhin kann man Letzteres physikalisch noch vertreten, weil die Lichtgeschwindigkeit einem Satz wie "Melden Sie sich in 150 Millionen km wieder" tatsächlich ein wenig Sinn gibt. 

In den Kommentaren hat ein Udo Maier moniert, man könne Watt nicht in Joule umrechnen, und Lehrer Schmidt hat vor zwei Jahren versprochen, das zu ändern. Offenbar hat er Besseres zu tun gehabt. Etwa sich für Kommentare zu bedanken, in denen er von Schülern, die kaum ein Wort Deutsch können, über den grünen Klee gelobt wird.

Sehen wir mal darüber hinweg, dass er nicht Joule in Watt, sondern in Wattsekunden umrechnet, und beginnen wir mit dem Video. Zu Beginn schreibt er Joule und Watt im SI-System:


Mich nervt da schon, dass der gute Mann den Bruchstrich nicht auf die Höhe des Gleichheitszeichens schreiben kann (auch in anderen Videos nicht). Dann wird gekürzt:

Offenbar kann der Lehrer Schmidt, was viele Schüler auch können: Brüche, die irgendwo rumstehen, mit anderen kürzen, die ganz woanders stehen.  Die übrig gebliebenen Gleichungen 1 J = 1 und \(1 W = 1 \frac 1s\) verknüpft er dann gekonnt zu \(1 J = 1 Ws\). Warum er überhaupt so tut, als gäbe es hier irgendwas zu erklären, entzieht sich mir völlig. Leistung ist als Energie pro Zeit definiert, und ein Watt ist per definitionem ein Joule pro Sekunde. Wie jemandem, der diese einfache Definition nicht versteht, mit dem Schmidtschen "Ausrechnen" geholfen ist, erschließt sich mir ebensowenig.

Auch andere Schülersünden gibt Lehrer Schmidt gekonnt weiter:


Wie oft habe ich meinen Schülern schon erklärt, dass \(2 \cdot 3 = 6 \cdot 4 = 24\) schlicht und ergreifend falsch ist, weil links 6, rechts 24 und dazwischen ein Gleichheitszeichen steht. Jetzt weiß ich wenigstens, wer ihnen das beigebracht hat: Lehrerschmidt! Der macht das wirklich am laufenden Band:


Die meisten finden das alles super erklärt, besser als beim eigenen Lehrer allemal. Nur  Tobias Schiegl rafft es noch nicht: 

        Hey. Könnten sie mir helfen indem sie die folgenden Zahlen in Wmin, KWh und J umrechnen da ich nichts verstanden habe.

Es besteht also noch Hoffnung. Allerdings nicht, was Lehrer Schmidt angeht: der ist, und das habe ich nicht erfunden, seit April 2020 neuer "Mathe-Botschafter der Stiftung Rechnen".


Kommentare:

  1. Tja: Wer hat, dem wird gegeben. In anderen Worten: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.

    Hättest Du nicht irgendeine Assoziation zu "Schmidtchen Schleicher" in Deinen Artikel einbauen können? Gegen ein gutes Musikvideo kommt selbst Lehrerschmidt nicht an: https://www.youtube.com/watch?v=ZkcPmnyRPEY .

    AntwortenLöschen
  2. Grüne Scheiße !

    Höchstwahrscheinlich im Wortsinn, denn der Autor, das kann ich genau so stringent und mathematisch herleiten wie der Videokünstler, ist garantiert bei den Grünen und prominent bei "Schule mit Courage" aktiv.
    Ihren Hauptvorwurf sehe ich nicht, der "Aktivist" will ja Joule in Wattstunden umrechnen, das wäre ja noch konsistent.

    Aber ab der vorgestellten Aufgabenstellung fehlt nun wirklich alles -- so stelle ich mir eine "Teamlösung" der Damen Roth und Baerbock vor.

    Was Sie nicht kommentiert haben: Der ganze Mist ist ein krasser Verstoß der "Lex parsimoniae", "Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem" (oder "sine necessitate"), ich finde beide Varianten schön. DIE und die einzige Regel, die mich wirtschaftlich überleben läßt.

    Warum die komplette SI-Herleitung von Watt ("m * s / t² / t") aufs Papier werfen ? Es reicht doch auszuführen, daß sinnigerweise definiert wurde, "Leistung ist Arbeit pro Zeiteinheit", also P = E / t , mutatis mutandis 1 W = 1 J / s .
    1 Ws = 1 J , diese Äquivalenzumformung bekommen auch die FFF-Kiddies gerade noch hin, wenn man ihnen das Eifon wegnimmt.
    Was will der Mann jetzt "umrechnen" ?

    Aber Sie sehen das wieder zu wissenschaftlich:
    Wenn sich einer für seine armseligen Videoergüsse extra T-Shirts drucken läßt und das ganze auch noch mit einer Art dynamischem Signet einleitet, dem kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern um maximale "mediale Präsenz".
    Um seine "Fachkompetenz" zu unterstreichen, muß er den Schwurbel, den er verzapft, schön aufplustern.

    Unter dem Aspekt bin ich froh, daß es noch im einstelligen ppm - Bereich solche erzkonservativen Mathematiker gibt wie Sie.

    Apropos "erzkonservativ":
    Eine meiner Mathelehrerinnen (es ist 45 Jahre her) wurde immer fuchsteufelswild, wenn sie eine Schreibweise sah wie "5 N * 1 m".
    Sie argumentierte, "die Multiplikation ist die fortgesetzte Addition gleicher Summanden. "5 * 1 m" ist o.K., dann schreibe ich 5 * 1 m untereinander, mache einen Strich drunter und addiere. Im Beispiel "5 N * 1 m" aber müßte ich den Summanden 1 m quasi "Fünf Newton mal" hinschreiben. Das ist Blödsinn.
    Das hat mir damals eingeleuchtet und seither schreibe ich
    5 [N] * 1 [m] = 5 [Nm]
    Bei Rückfragen erzähle ich gern, daß ich an einer transsilvanischen Uni Mathe gehört hätte und die dort übliche Notation übernommen habe. Hört sich besser an als "Unsere alte Bio- und Mathepaukerin fand das gut".

    Wie wird das denn heute vermittelt ?

    AntwortenLöschen