Montag, 5. Dezember 2016

Realitätsnahe Mathematik von Schmidtchen Schleicher

"Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce."

So steht es bei Karl Marx geschrieben, und so scheint es manchmal zu sein. Auch der derzeitige Anwendungswahn im Mathematikunterricht ist eine Farce, denn dieselbe Diskussion hab es bereits vor 2000 Jahren. Damals hatte sich das römische Reich die antiken Hochkulturen von Babylon, Ägypten und Griechenland einverleibt und deren kulturelle Errungenschaften übernommen, was Kenntnisse in Architektur, Feldmesskunst, Rhetorik und Technik angeht - man suche etwa nach dem Mechanismus von Antikythera, um sich ein Bild von den technischen Fähigkeiten der Griechen zu machen, bevor ihr Reich an die Römer fiel. Zum Bauen von Straßen, Aquädukten, Tempeln und zum Verteilen von erobertem Land an verdiente Soldaten, so beschlossen die Römer, brauchte man keinen Euklid. Alles, was jenseits der unmittelbaren Anwendbarkeit lag, wurde nicht unterrichtet und nicht gelehrt.

Den Griechen lagen Anwendungen ebenfalls am Herzen: Archimedes und Heron von Alexandria waren begnadete Ingenieure, die ihre Kenntnisse in reiner Mathematik geistreich anzuwenden wussten. Aber Archimedes und Heron galten nicht zufällig als die besten Mathematiker ihrer Zeit: ihre Erfindungen bauten auf den theoretischen Grundlagen auf, die sie gelernt hatten. Wenn man die Namen Thales, Pythagoras, Euklid und Archimedes hört, werden nur noch wenige vor Ehrfurcht erstarren (das war nicht immer so); aber diese Namen gehören zum Allgemeinwissen über antike Mathematik. Wer sich besser auskennt, weiß auch mit Theaitet (irrationale Größen),  Eudoxos (Flächenberechnung), Sokrates, Platon, Aristoteles, Demokrit (Philosophie), Aristarch (Abstand Erde Mond), Eratostehenes (Erdumfang), Ptolemaios und Hipparch (Astronomie),  Diophant (Algebra), Apollonius (Kegelschnitte), Pappos (Geometrie) und vielen anderen mehr etwas anzufangen.

Und bei den Römern? KmV (kann man vergessen). Qunitilian machte etwas Werbung für Geometrie, Vitruv benutzte etwas Mathematik auf dem Niveau Platons für seine Architektur, und Boethius schrieb eine lateinische Version der elementarsten Sätze aus Euklid - ohne Beweise, versteht sich. Nach dem Untergang des römischen Reiches waren die geistigen Errungenschaften von Babyloniern, Ägyptern und Griechen für Europa verloren, bis sie in der Renaissance ein Jahrtausend später wieder entdeckt wurden. So viel zur Tragödie. Nun zur Farce.

Auch heute gibt es die römische Arroganz gegenüber der nutzlosen Mathematik der Griechlein; sie wird etwas verschämt als "innermathematisch" gebrandmarkt, weil sich die Didaktiker von heute das Wort überflüssig noch nicht zu gebrauchen trauen. In einem beispiellosen Akt von Kulturlosigkeit wurden Vorgaben der OECD, etwa seitens des Herrn Schleicher, unkritisch umgesetzt und eine erfolgreiches Bildungssystem in nicht einmal 20 Jahren komplett ruiniert. Mit einem standardisierten Test, den sich der studierte Physiker Schleicher aus den Fingern gesogen hat, wurden die Bildungssysteme in aller Herren Länder vermessen, und seither gibt er Ratschläge zur Verbesserung der Bildungslandschaft in Schweden, Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, USA, Mexiko - wissen Sie was? Versuchen Sie doch einfach ein Land zu finden, das Herr Schleicher noch nicht beratschlagt hat.

Jetzt haben wir also einen Unterricht, der unseren Kinder das Lösen von PISA-Aufgaben antrainiert, als wäre das der Maßstab für ein erfolgreiches Bildungssystem. Man musste ja Andreas Schleicher heißen oder ein Vollidiot sein (am besten beides), um das finnische Modell als Vorbild für das deutsche herzunehmen. Was haben denn, um einmal mehr Monty Python zu paraphrasieren, die Finnen je erreicht? Von den finnischen Mathematikern kennen Studenten der Mathematik kaum eine Handvoll, und die sind längst gestorben. Was haben finnische Ingenieure und Maschinenbauer (in den Zeiten vor dem Berliner Flughafen, der Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und der VW-Dieselsoftware) geleistet? Schriftsteller? Irgendwas? Gut, Musiker: Leningrad Cowboys und Loituma sollte man schon mal gehört haben. Aber gute Musik zu machen lernt man nicht auf der Schule. Wie bescheuert muss man also sein, wenn man ein erfolgreiches System an die Wand fährt, nur weil Schmidtchen  Schleicher sagt, das finnische sei besser?

Natürlich hat Schleicher das nicht alleine durchgesetzt - zu einem Idioten, der vorneweg rennt, gehören noch 1000 andere, die ihm nachlaufen. Die Entwicklung der Didaktik, und vor allem der
Mathematikdidaktik, während der letzten 20 Jahre, von einer Wissenschaft, die zumindest im Prinzip einen besseren Unterricht zum Ziel hatte, in eine Pseudowissenschaft, gegenüber der Bleigießen und Handlinienlesen harte Wissenschaften sind, betrieben von einem Konglomerat von Akademikern, die Studien machen, auswerten und daraus die falschen Schlüsse ziehen, bei denen man für eine Dissertation 2 Wochen braucht und die wissen, wie guter Unterricht funktioniert, ohne dass sie selbst jemals unterrichtet hätten oder, wie etwa Andreas Schleicher, das staatliche Schulwesen noch nicht einmal als Schüler durchlaufen haben: Ja ich weiß, dass dieser Satz kein Ende hat. So wie PISA auch.

Keine Kommentare:

Kommentar posten