Montag, 20. April 2020

Mathematikdidaktik

Auch ich wurde unlängst mit der Frage konfrontiert, ob es ein gutes Buch zur Didaktik der Mathematik geben würde. Ich will darauf noch zurück kommen und verweise erst einmal auf "Le débacle d'école", das der französische Fieldsmedaillist Laurent Lafforgue mitherausgegeben hat und in dem schonungslos offengelegt wird, was die französischen Spezialisten der Erziehungswissenschaften in unserem Nachbarland angerichtet haben. Wer hierzulande unterrichtet, kennt die Diagnose. Und als ein Beispiel einer recht frühen Kritik an Auswüchsen von genau der Didaktik, die uns inzwischen wie ein Tsunami überrollt hat, sei noch Horst Karaschewski, "Irrwege moderner Rechendidaktik. Eine kritische Analyse" genannt.

Bevor wir allerdings zu Büchern kommen, hätte ich gern die Frage geklärt, was Mathematikdidaktik eigentlich soll. Das Internet weiß die Antwort, weil eine gewisse Katja Biersch mehr als ein Dutzend ihrer geistigen Erzeugnisse im Netz verkauft, und eines darunter Ziele und Inhalte der Mathematikdidaktik heißt. Schon der erste Satz verrät, dass diese Hausarbeit in diesem Jahrtausend geschrieben wurde:

           Didaktik ist die Ableitung von dem griechischen Verb „did`askein“.

Ich fand den Spruch, der Dativ sei dem Genitiv sein Tod zu meiner Schulzeit unheimlich witzig. Aber ich wusste ja auch noch, was ein Genitiv ist, weil man nicht nur in Latein und Altgriechisch nicht darum herum kam, sondern weil man ihn seinerzeit auch noch im Deutschen benutzt hat. Auch der Unterschied zwischen einem bestimmten und einem unbestimmten Artikel war uns damals noch geläufig.

        Es kann sowohl aktiv (lehren oder unterrichten), als auch passiv 
        (lernen oder unterrichten) und medial (sich selbst lehren) verwendet werden.

Das Passiv von unterrichten war seinerzeit auch noch nicht unterrichten, sondern unterrichtet werden, selbst für Schüler, die damals im Deutschunterricht geschlafen haben.

        Die Didaktik beschäftigt sich mit der Frage wer, wann, was, mit wem,
        wo, wie, womit, wozu wir lernen sollen.

Die Frage, wer wir lernen sollen, interessiert mich auch. Vermutlich muss ich mich für eine Antwort in der Didaktik umsehen.

          Unter Mathematikdidaktik versteht man die Wissenschaft, die sich mit
         dem Lehren und Lernen von Mathematik befasst. 
         Sie bildet die Grundlage für jeden Mathematiklehrer .

Sie bildet für mich die Grundlage. Das ist genau die Art von hohler Phrasendrescherei, die ich an der Didaktik so liebe.

        Die Mathematik ist eine anwendungsorientierte Wissenschaft.

Das ist in der Tat die Vorstellung, die Didaktiker von Mathematik zu haben scheinen. Selbstverständlich ist Mathematik anwendbar; anwendungsorientiert ist aber etwas ganz anderes. Nichts, aber auch gar nichts in den Elementen Euklids ist beispielsweise anwendungsorientiert: deswegen hat die Didaktik die euklidische Geometrie in den letzten 30 Jahren ja ebenso aus dem Lehrplan entfernt wie Algebra, Folgen, Konvergenz, Grenzwerte, sowie Definitionen und Beweise. Was übrig geblieben ist sind Rezepte zur Bestimmung des maximalen Zuflusses von Wasser in einen Stausee.

        Sicher kann Mathematik interessant und schön sein, sicher ist aber auch, 
        dass der Mathematikunterricht sehr vielen Schülern keinen Spaß bereitet, 
         sie ihn hassen, abwählen oder nur still erleiden.

Liebe Katja, soll ich Dir mal was sagen? Ich bin Mathematiklehrer und oft genug erleide ich den Mathematikunterricht ebenfalls mehr oder weniger still. Und ich kann Dir auch sagen, warum. Weil mich dieser "wirklichkeitsnahe" Scheißdreck anfault.

        Wirklichkeitsnah bedeutet, den Alltag einzubeziehen, Situationen 
       aus dem Umfeld der Schülerinnen und Schüler zu thematisieren, 
        auf mathematische Gehalte zu untersuchen und Gelerntes in realen 
        Anwendungssituationen zu benutzen.

Ich kann solche Machwerke nicht lange lesen, ohne den Autoren Dinge an den Hals zu wünschen, die man niemandem an den Hals wünschen sollte. Lassen wir es also dabei und verabschieden wir uns mit einem Satz, der die Phrasendrescherei noch einmal in voller Blüte zeigt:

          Lebensweltbezug, Handlungserfahrungen und Modellbildung führen 
          dazu, dass der Lernende Beziehungen erkennen und beschreiben 
         kann, er Wesentliches und Unwesentliches unterscheiden sowie 
         Zusammenhänge der Realität in mathematische Begriffe übersetzen kann. 

Natürlich muss man als Didaktiker nicht begründen, dass Lebensweltbezug und Modellbildung dazu führen, dass der Lernende (da führt man als Genderspezialist und Sprachverbrecher das Unwort Lernende ein, um das maskuline Wort Schüler zu vermeiden, und dann kommt Katja und schreibt "der Lernende". Zu doof zum Gendern) Wesentliches und Unwesentliches unterscheiden kann. 500 Mark ins Phrasenschweinchen. 



      

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