Sonntag, 2. Juni 2019

Hassfach Mathematik

Auf news4teachers fragt man sich, warum das Fach Mathematik bei vielen Schülern so unbeliebt ist, obwohl doch die Didaktiker überzeugend bewiesen haben, dass die realitätsnahen Aufgaben die Schüler problemlos vom Sinn der Mathematik überzeugen. Mich würde allerdings auch interessieren, wie viele Mathematiklehrer ihr Fach nicht mehr so recht leiden mögen, seit die Mathematikdidaktik das Fach besiegt hat. 

Zu den Kommentaren der Lehrer (vor allem aus der Grundschule, will mir scheinen) wäre auch so Einiges zu sagen - ich belasse es bei dem Kommentar, dass mich nichts mehr wundert.

Das wirklich Ärgerliche an diesem Artikel beginnt aber hier:

      Mathe-Professor Reinhard Oldenburg von der Uni Augsburg 
      sagt, beim Abspecken der Lehrpläne seien Themen aus 
      Algebra und Geometrie wie Kegelschnitte weggefallen.

1. Liebes news4teachers-Team: Herr Oldenburg ist kein Mathe-Professor. Er ist Professor für Mathematik-Didaktik.

2. Kegelschnitte, Lieber Herr Oldenburg, sind bereits aus dem Mathematik-Unterricht weggefallen, da waren Sie noch gar nicht geboren.  Si tacuisses . . .  Aber Sie reden natürlich einfach weiter, wenn Sie als Experte gefragt sind:

   Diesen Prozess könnte man weitertreiben. Man sollte neu 
   bewerten, welchen Bildungswert beispielsweise der Kathetensatz 
   hat oder die Flächenberechnung unter irgendwelchen   
   Funktionsgraphen.

In Baden-Württemberg hat der Kathetensatz überhaupt keinen Bildungswert, weil ihn vermutlich nur einer von 1000 Abiturienten kennt. Dass der Augsburger "Mathe-Professor" die  Integralrechnung abschaffen will, weil er keinen Bildungswert in ihr erkennt (wie oft hat er wohl schon gesagt, dass er diese in seinem Leben noch nie gebraucht hat?), lässt mich hoffen, dass das Interview nach 6 Maß Bier in einem Biergarten geführt worden ist. Aber vermutlich hoffe ich vergebens.

      Oldenburg sagt, moderne Bildung sollte Fragen etwa nach 
     kürzesten Wegen (Navigationssysteme) und mathematische 
     Grundlagen von Bild- und Videoverarbeitung berücksichtigen.

Erde an Augsburg:

  1. interessiert das kaum einen Schüler. Es macht nichts, wenn Sie das nicht glauben.
  2. Navigationssysteme haben mit kürzesten Wegen praktisch überhaupt nichts zu tun (außer man will seinen BMW tatsächlich über ungeteerte Waldwege jagen, weil man wirklich den absolut kürzesten Weg zwischen A und B fahren will), ebensowenig wie die Stationierung von Rettungshubschraubern in Südtirol etwas mit dem Fermat-Punkt zu tun hat. Man hat Sie in Ihrer Ausbildung angelogen, und Sie haben es nicht gemerkt.
  3. Die mathematischen Grundlagen von Bild- und Videoverarbeitung sind Algebra und Geometrie. Und man braucht dazu deutlich mehr als binomische Formeln oder den Kathetensatz. Jedenfalls außerhalb der Uni Augsburg.

Ein Gutes hat die Sache dann doch: Man muss jetzt keine Angst vor dem bevorstehenden intellektuellen Niedergang der Universitäten mehr haben.

Kommentare:

  1. Guten Tag!

    Auch mit dem Abstand von 40 Jahren kann ich mich gut erinnern, was mir den gymnasialen Matheunterricht verleidet hat. Und zwar drei Dinge:
    1. "Beginn im vierten Stockwerk" statt auf dem Boden
    Erst in der Untertertia bequemte sich ein Lehrer, und die Peano-Axiomatik zu erläutern. Und das Permanenzprinzip. Es hat bei mir augenblicklich 'klick' gemacht, denn sämtliche albernen Merksprüche à la "Minus mal Minus ergibt Plus" waren obsolet.
    2. "Man muß den Schüler da abholen, wo er steht"
    In der Obersekunda bekamen wir Realschüler in die Leistungskurse, welche Aufholbedarf hatten. Beispiel: Die berechneten sqr(x²) mit x antatt mit |x|. Die Lehrer bemühten sich mit einer gewissen Servilität, den bisherigen Stoff im Schnelldurchlauf nochmal durchzukauen. Das hat alle gelangweilt, insbesondere die teilweise wirklich ausgezeichneten Realschüler. Denn: Lehrer sind keine Unterhaltungsmaschinen, sondern 'Consultants', die man fragen kann, womit ein bestimmtes Problem zu lösen wäre oder die von sich aus Vorschläge unterbreiten.
    In der Mittel- und Oberstufe habe ich den (brillanten) Mathelehrer als unseren Dienstleister betrachtet. De Mathematikunterricht war in der Regel, ich benutze ein Grün*Innenwort, "spannend", oft hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

    Das hieß natürlich: Jede Menge Exkurse. Fragen erzeugen Fragen. Daher behandelten wir auch Kegelschnitte.

    Nachdem ich nun teilweise zum Amusement, teilweise mit fassungslosem Entsetzen viele Ihrer Beiträge gelesen habe, zwei Fragen:

    Gibt es überhaupt "Mathe" als Haßfach ? Wir haben Geometrie, Analysis, Stochastik, Algebra. Da ist doch für jeden etwas dabei?

    Ist das Leistungsniveau Ihrer Kurse eher homogen oder bilden sich Gruppen wie "interessiert und gut" und "desinteressiert und abgehängt" ?

    p.s.:
    Mir mißbehagt es, anonym zu posten, daher habe ich mich, ohne im Besitz einer "Homepage" zu sein, für einen URL entschieden, der thematisch einigermaßen paßt.

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  2. Ad 1: Es ist absolut notwendig, im 4. Stockwerk zu beginnen. Wenn es in der 11. Klasse beim Permanenzprinzip klickt, heißt das nicht, dass es auch in der 5. Klasse geklickt hätte.

    Ad 2: Ohne ständiges Wiederholen ist heute kein Unterricht mehr möglich.

    Mathe als Hassfach: Hängt vom Lehrer ab. Ansonsten haben wir eben nicht Geometrie, Analysis, Stochastik und Algebra, sondern Fetzelchen hier und Fetzelchen dort. Geomrtie und Algebra sind bis auf gaaaanz wenige Inhalte praktisch weg.
    Und homogene Klassen gibt es nicht mehr, weder in der 1. Klasse, noch in der 12. Da sitzen teilweise Leute mit 0 Verrechnungspunkten von 60 in derselben Klasse wie Einserschüler - viel Spaß beim Unterricht.

    Danke übrigens für den Link.

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  3. Ad 1: Bevor man aber gruselige Divisionen paukt, wäre es schon schön gewesen, etwas von Zahlen und Zahlensystemen zu hören. Welchen Vorteil die "Null" hat. Gerade, wenn parallel im Lateinunterricht die römischen Zahlen durchgenommen werden. Und ewig diese stereotypen Merksptüche, "aus Differenz und Summen kürzen nur die Dummen". Warum soll ich nicht Summen kürzen, aolange ich das bei jedem Summanden mache? Die Division habe ich erst verstanden, als ich mit einer alten "Brunswiga" meines Vaters spielte: Kontinuierliche Subtraktion.
    Wir mußten aber ellenlange Brüche aurechnen, ohne überhaupt zu wissen wozu man die Division überhaupt braucht.
    Mathe war ein HORROR für mich, es war zur Zeit der Kanzlerkandidatur von Rainer Barzel, als ich oft an der Tafel unter höhnischem Gelächter der Klasse versagte.
    Wenn es "klick" macht bei der Rezeption, dann heißt das ja, daß ein neu erkannter Zusammenhang an die bisher erkannten anschließt.
    Niemals wird jemand einen Taschenrechner verstehen können, der keine Leibnitz-ähnliche mechanische Maschine in der Hand hatte.
    Von wem es stammt, weiß ich nicht: "nihil in intellectu quod non prior fuerit in sensu".
    Das klappt alles nur ab dem 1. Stockwerk. Die Kunst ist es natürlich, so etwas wie Mengenlehre oder Peano "an den Mann zu bringen".

    Ad 2:
    Sie tun mir leid. Nicht hämisch gemeint. Sie tun mir leid, weil Ihre sarkastischen Beiträge Ihre tiefe Liebe zur Mathematik nicht vollständig kaschieren.
    Aber ich könnte mir vorstellen, daß Sie, vielleicht sogar unter den Eltern, den einen oder anderen Fan haben.

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    1. Selbstverständlich mag ich Mathematik. Ich würde sie auch liebend gerne unterrichten. Bei dem Dummen-Spruch gebe ich Ihnen recht - ich verwende ihn maximal einmal pro Jahr. Dafür predige ich regelmäßig, dass man nur das kürzen kann, was man auch ausklammern kann.

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